Schiffe mit Vergangenheit : Auf den Spuren der „Nordertor“ und der „Stadt Husum“

Der Anblick des  Restaurantschiffs „Nordertor“ ist aus dem Binnenhafen nicht mehr wegzudenken.
Der Anblick des Restaurantschiffs „Nordertor“ ist aus dem Binnenhafen nicht mehr wegzudenken.

Die „Nordertor“ und die „Stadt Husum“ – beide prägend für den Binnenhafen in Husum.

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08. Juni 2018, 15:38 Uhr

Husum | Schiffe sind ein Stück Heimat. Sie sind den Menschen vertraut und wachsen ihnen ans Herz. Auch die „Nordertor“, das Restaurantschiff im Binnenhafen, ist ein solches Stück Heimat geworden, das mittlerweile nicht mehr aus Husum wegzudenken ist. Obwohl sie oft verwechselt wird: „Die ,Nordertor‘ ist doch die alte ,Stadt Husum‘!“, denkt manch alter Husumer. Stimmt aber nicht.

Es gab zwar tatsächlich ein Schiff mit dem Namen „Stadt Husum“, das noch viele ältere Husumer kennen und mit dem sie Erinnerungen an Halligfahrten verbinden, aber das ist nicht die „Nordertor“. Die wurde 1936 im Auftrag der Kieler Hafenrundfahrt-AG auf der Friedrich-Krupp-Germania-Werft gebaut und erhielt den für Kiel passenden Namen „Kitzeberg“. Sie wurde am 11. April 1936 in Dienst gestellt, unmittelbar vor den Olympischen Segelwettbewerben, wo sie als schwimmende Tribüne verwendet wurde. Anschließend wurde das Schiff in Kiel für Hafenrundfahrten genutzt und galt lange Zeit als schnellstes und schönstes Schiff der Flotte. Im Zweiten Weltkrieg wurde die MS „Kitzeberg“ durch Bomben beschädigt und repariert.

Wie aus der „Nordertor“ eine Touristenattraktion wurde

Anfang 1962 wurde die „Kitzeberg“ von der Flensburger Personenschiffahrt GmbH & Co KG übernommen und erhielt den für Flensburg passenden Namen „Nordertor“. 1976 wurde das Schiff von privat erworben, zum Restaurantschiff umgebaut und nach Wyk auf Föhr verlegt. Hier gab es aber Probleme mit der behördlichen Genehmigung, das Schiff als Restaurant zu betreiben. 1978 erwarb schließlich die Sportbootvereinigung Nordsee in Husum das Schiff, um es als schwimmendes Clubheim zu betreiben. Doch die „Nordertor“ war zwischenzeitlich in Wyk demoliert und geplündert worden. Das heruntergekommene Schiff wurde nach Husum verholt und 1978 in vielen Arbeitsstunden von den Vereinsmitgliedern flott gemacht.

Im April 1983 musste die „Nordertor“ zur Reparatur auf die Husumer Schiffswerft, denn es waren in der Außenhaut Leckstellen entdeckt worden. Ein herkömmliches Ausflicken war nicht mehr möglich, so dass das Schiff einen zusätzlichen Rumpf aus Spritzbeton bekam. Doch obwohl eine unbegrenzte Haltbarkeit des Schiffsrumpfes versprochen wurde, kam die „Nordertor“ nicht zur Ruhe. 1990 ging das Schiff im Hafen unter.

Die Sportbootvereinigung entschied sich zur Aufgabe ihres schwimmenden Clubheims, doch jetzt schaltete sich die Husumer Bevölkerung ein, die „ihre Nordertor“ retten wollte. Schließlich erklärte sich die Werbegemeinschaft bereit, die Reparaturkosten zu übernehmen, um die „Nordertor“ als Touristenattraktion zu erhalten. Nach langem Hin und Her wurde dann Ende der 1990er Jahre die behördliche Genehmigung erteilt, die „Nordertor“ als Café- und Restaurantschiff zu betreiben.

Die Rolle der „Stadt Husum“ im Krieg

Und was war mit der MS „Stadt Husum“? Tatsächlich gab es drei Fahrgastschiffe dieses Namens, die für den Ausflugsverkehr zu den Halligen von Husum aus eingesetzt wurden. Die zweite „Stadt Husum“ wurde als Ersatz für einen abgebrochenen Raddampfer 1937 von der Rostocker Reederei Paul Hahn erworben. Diese war die berühmteste der drei – und das Schiff, das oft fälschlicherweise für die „Nordertor“ gehalten wird. Es wurde 1920 von der Rostocker Neptun-Werft gebaut und fuhr unter dem Namen „Fritz Reuter“ auf der Linie Rostock-Warnemünde und auf der Ostsee. Das 52 Bruttoregistertonnen große Schiff wurde dann von der Reederei Husumer Motorgenossenschaft erworben und 1937 in „Stadt Husum“ umbenannt.

Die „Stadt Husum“ an ihrem Liegeplatz im Hafen.
Foto: Husumer Nachrichten
Die „Stadt Husum“ an ihrem Liegeplatz im Hafen.
 

1940 bis 1945 hatte die Kriegsmarine die „Stadt Husum“ beschlagnahmt und verwendete sie als Küstenwachboot, überwiegend an der Hafenüberwachungsstelle auf der Insel Borkum. Zum verstärkten Einsatz kam das Schiff dann aber erst nach 1944, als die Wehrmacht auch mit einer alliierten Landung in der deutschen Bucht rechnen musste und deshalb verstärkt Verteidigungsanlagen errichtet wurden. Nach Kriegsende wurde die „Stadt Husum“ von den Briten beschlagnahmt, bis sie 1949 zurückkehrte und die Fahrten ins Wattenmeer wieder aufnehmen konnte. 1962 wurden die Fahrten eingestellt und die „Stadt Husum“ im Binnenhafen für einen potenziellen Käufer geparkt. Der wollte sich jedoch nicht finden. 1966 wurde die „Stadt Husum“ verschrottet.

In den 1950er Jahren waren bei dem Schiff mehrfach der Decksaufbau und das Ruderhaus erneuert worden. Und damit ähnelte sie im Aufbau der „Nordertor“ – und lag damals dort, wo jetzt die Hochwassersäule steht, und somit unweit des heutigen Liegeplatzes der „Nordertor“. Daher wohl die Verwechslung.

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