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Friedrichstadt : Auf den Spuren der jüdischen Bürger

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Friedrichstädter Tage der jüdischen Kultur haben bis Freitag noch Lesung, Vortrag und Musik zu bieten. Bei einem Rundgang durch die Stadt wurden die letzten Zeugnissen dieser Kultur vorgestellt.

Noch bis Freitag (18.) wird im Rahmen der „Friedrichstädter Tage der jüdischen Kultur“ an Zeiten erinnert, in denen die Juden eine nicht unbedeutende Rolle in dieser Stadt spielten. Christiane Thomsen führte rund 20 interessierte Besucher zu den geschichtsträchtigen Orten dieser Glaubensrichtung. Die Führung begann in der Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge, wo die Stadtarchivarin die Historie der jüdischen Gemeinde ausführlich aufrollte. Ab 1675, so erzählte sie, durften sich Menschen jüdischen Glaubens in dem unter Herzog Friedrich III. erbauten Städtchen ansiedeln. Seit 1621 lebten hier vornehmlich Remonstranten, reiche holländische Kaufleute einer protestantischen Religionsgemeinschaft, die ihr Land aus religiösen Gründen verlassen hatten. Die von ihnen gelebte Willens- und Glaubensfreiheit zog weitere religiöse Minderheiten an diesen für seine Toleranz bekannten Ort, an dem zeitweise bis zu 13 verschiedene Konfessionen friedlich zusammenlebten. „Ein Händler namens Moses Marx war 1675 der erste Jude, der sich in Friedrichstadt niederließ“, berichtete Christiane Thomsen.

Bis 1845 war die Gemeinde auf 421 Juden angewachsen. Zu dieser Zeit machten sie 17 Prozent der Bevölkerung aus. Die Friedrichstädter Juden durften Grundbesitz erwerben, hatten eine Schule, einen Friedhof und eigene Rabbiner. Es war die Blütezeit einer Glaubensrichtung, deren Anhänger hier – anders als in anderen Städten – nicht in Ghettos leben mussten: Ein Stadtplan mit den konfessionellen und sozialen Strukturen von 1845 belegt, dass die Mitglieder aller Gemeinden über die ganze Stadt verteilt wohnten und es unter ihnen auch Mischehen gab.

Anfangs waren die jüdischen Gebetsräume immer zu klein. Erst fanden die Gottesdienste in einem Hinterhaus statt, dann in einem Gebäude am Fürstenburgwall. Nachdem ein dänischer Jude seiner Gemeinde viel Geld vermacht hatte, konnte sie 1847 endlich eine eigene Synagoge errichten. In dem neuen sakralen Bau Am Binnenhafen 17 gab es, streng nach Geschlechtern getrennt, 108 Sitzplätze für Männer und eine Empore für Frauen und Kinder. Doch die Freude darüber währte nur knapp 25 Jahre: Aufgrund der zunehmenden Freizügigkeit, die nun für Juden im deutschen Reich galt, zogen mit der Zeit sehr viele Gemeindemitglieder aus Friedrichstadt weg, um in den großen Städten Handel zu betreiben. 1871 gab es noch 193 Juden in Friedrichstadt, 1905 waren es nur noch 117. Von 1937 an fanden in der Synagoge keine Gottesdienste mehr statt, da die Mindestzahl von zehn religionsmündigen Männern (Minjan) nicht mehr erreicht wurde.

Ein Jahr später fiel die Synagoge im Zuge der Novemberpogrome den Nationalsozialisten zum Opfer, deren Gewaltmaßnahmen sich gegen Juden im gesamten Deutschen Reich richteten: „Am 10. November 1938 zerstörten SA-Leute aus Heide und Husum alles“, so Christiane Thomsen. Eine Handgranate explodierte im Inneren der Synagoge, und ein Gestapo-Chef habe dort zusätzlich sein Unwesen getrieben, bevor er die Arrestierung aller männlichen Juden befahl. Der verbliebene Rest der Gemeinde wandte das letzte Geld auf, um die Synagoge zu reparieren, doch das Ende war nicht mehr aufzuhalten: Das Gebäude wurde zum Getreidespeicher umfunktioniert und 1941 für einen SS-Offizier zum Wohnhaus umgebaut. Juden gab es zu dieser Zeit keine mehr in Friedrichstadt.

Mehr als 40 Jahre später gelang es der Stadt, das Gebäude zu erwerben und einer würdigen Nutzung zuzuführen. Seit 2003 wird die ehemalige Synagoge für kulturelle Veranstaltungen genutzt. „Die Spuren ihrer jüdischen Geschichte sind am Gebäude ablesbar“, wies die Stadtarchivarin auf die in den Zustand vor 1938 zurückversetzte Westfassade hin. Ein angedeuteter Tora-Schrein im großen Saal erinnert ebenso an die einstige sakrale Nutzung, wie vorgehängte Rahmen die ursprünglichen, großen Rundbogen-Fenster nachempfinden.

Auch die Glaubensvielfalt von damals ist heute noch spürbar: „Bei einer relativ kleinen Größe von 2500 Einwohnern gibt es immer noch fünf Glaubensrichtungen: Remonstranten, Mennoniten, Lutheraner, Katholiken und dänische Lutheraner feiern ihre Gottesdienste in Friedrichstadt“, sagte sie und lud dann zu einem Stadtrundgang ein, der auch zum alten und zum neuen jüdischen Friedhof führte. Unterwegs machte ein Teilnehmer darauf aufmerksam, dass es Anfang November in Friedrichstadt wieder einen jüdischen Gottesdienst geben soll – den ersten nach 77 Jahren. Die Terminankündigung erfolgt zu gegebener Zeit.

Im Rahmen der jüdischen Kulturwoche steht morgen, 9 und 10.30 Uhr, noch eine Lesung mit Anne Voorhoeve an. Sie liest aus ihren Jugendbüchern „Liverpool Street“ und „Nanking Road“. Anmeldung unter Telefon 04881/1511. Am Mittwoch (16.) hält der Jurist Dr. Klaus Alberts ab 19.30 Uhr einen Vortrag über „Die Außerrechtsetzung der deutschen Staatsangehörigen jüdischen Bekenntnisses ab 1933“. Am Freitag (18.) beschließt das Konzert „Klassik, Klezmer, Jazz & Improvisationen“ mit Lena Gurvitch (Klavier/Melodica) und Joanna Kamenarska-Rundberg (Violine) um 19.30 Uhr die Reihe.

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