zur Navigation springen

24 Stunden Husum: 14 bis 15 Uhr : Auch ein Kran ist nur ein Berg

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Hoch hinaus geht es in der Serie „24 Stunden Husum“. Der Arbeitsplatz von Erich Koester liegt in luftigen 25 Metern Höhe und garantiert wunderbare Aussichten. Aber dafür bleibt dem Kranführer wenig Zeit.

von
erstellt am 12.Sep.2013 | 17:00 Uhr

In der Serie „24 Stunden Husum“ begeben wir uns an die unterschiedlichsten Orte der Stadt – jeweils für eine Stunde. Heute Teil 10: Ein Arbeitsplatz mit geradezu überwältigender Perspektive.

Auf dem Gipfel ist es schön. Aber der Aufstieg . . . ! Erich Koester lächelt milde und winkt ab. Er steigt fast täglich hinauf, und wie zum Dank erwarten ihn dort oben in mehr als 25 Metern Höhe famose Aussichten auf ein spektakulär plattes Land. Der Mann ist Kranführer und sein Berg ein 400 Tonnen schwerer, beweglicher Stahlkoloss. Der steht auf dem Gelände der Firma Repower in Rödemishallig und erlebt gerade eine Art dritten Frühling. Die Windkraft, eine Technik, die es, als er gebaut wurde, noch gar nicht gab, macht es möglich – und Erich Koester gerne mit. Kranführer zu sein ist für den 49-Jährigen mehr als ein Beruf und das nicht nur wegen Höhenluft und guter Aussicht.

Früher war der gelernte Autoschlosser – „heute würde man wohl Kfz-Mechatroniker sagen“ – fast ständig mit Mobilkränen unterwegs. Das dazugehörige Handwerk hatte er während der Bundeswehrzeit und in Berlin erlernt, wo er später auch seinen Mobilkran-Führerschein machte. „Aber eigentlich lernst du Kran fahren nicht – oder wenn, dann nur beim Kran fahren“, sagt er, während das strahlend weiße, 65 Tonnen schwere Maschinenhaus einer Windkraftanlage scheinbar federleicht vom Boden abhebt und über das Firmengelände schwebt.

Wie das zu verstehen sei? Ganz einfach: Ein Kran ist nicht nur groß, sondern äußerst komplex – selbst wenn sich Koesters Radius, seit er nicht mehr mit dem Mobilkran auf Achse ist, deutlich verringert hat. Die These des verstorbenen Zeppelin-Navigators Eduard Boëtius, dass Luftschiffe mit dem Hintern gesteuert werden, kann Koester unterschreiben: „Mit Kränen ist das nicht anders“, sagt der Wahl-Ramstedter – nur, dass sie nicht fliegen könnten. Apropos: Zum Selbstverständnis eines bekennenden Kranführers scheint zu gehören, dass er die Frage, ob es schwieriger sei, einen Helikopter zu fliegen oder einen Kran zu lenken, klar zugunsten des eigenen Berufsstandes beantwortet. Und das, obwohl er noch nie einen Hubschrauber geflogen hat. Aber wenn Koester seine Fracht zentimetergenau im Innenraum der „Maike“ versenkt, mit der sie dann über Brake in die ganze Welt verschifft werden, bedarf es keiner weiteren Argumente mehr.

Unter einem der Fenster seines Kranführerhauses – gute Sicht ist alles, den Rest erledigt das dreiköpfige „Bodenpersonal“ – liegt ein Pinsel. Was es damit auf sich hat, erkärt Koester, indem er imaginäre Staubflusen von der Gewichtsanzeige wedelt. Unterdessen drückt eine Windböe in das offene Kabinenfenster „Nichts gegen das, was hier manchmal abgeht“, sagt Koester. Und so entscheidet er auch selbst, wann Schicht am Himmelsschacht ist. Doch viel häufiger als seine Stärke bestimmt die Windrichtung den Arbeitsablauf. Etwa, wenn die „Maike“ bei Ostwind zu wenig Wasser unterm Kiel hat. „Aber zu tun gibt es hier immer genug“, sagt Koester. Nur krank werden darf er nicht. Sonst steht der Kollege alleine da. Gute Kranführer sind rar.

Fast unmerklich senkt sich das dritte Maschinenhaus in den Laderaum der „Maike“. Und wieder wird deutlich,
dass Koesters Nerven dicker sein
müssen als die Stahlseile, an denen es hängt. Viel mehr als 65 Tonnen dürfte
der alte Kran dann auch nicht tragen.

Ob es etwas gibt, was ihn nervös machen könnte? Koesters Antwort überrascht: Wenn er sich auf dem Jahrmarkt die Konstruktionen der Fahrgeschäfte anschaue, frage er sich manchmal, „wie das alles so hält“, sagt er. „Aber hier hält ja auch alles“, sagt der Ramstedter achselzuckend und setzt seinen Kran zurück, um das nächste Maschinenhaus aufzunehmen. Kein Zweifel: Hier hat einer seinen Traumberuf gefunden. Wie viele Stufen es zum Ziel seiner täglichen Träume nehmen muss, hat Koester am Morgen noch mal nachgezählt, „aber vergessen“. Übrigens: Höhenangst kennt er nicht. Aber Respekt hat er vor der Höhe schon. Auch ein Kran ist eben letztlich nur ein Berg.

Teil 11 morgen: Für einen Platzwart gibt es im Friesenstadion immer etwas zu tun.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen