Digitale Arbeitswelt : Auch der Chef muss dazulernen

Veränderungen in der Berufswelt werden im digitalen Zeitalter mit „Arbeit 4.0“ überschrieben.
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Veränderungen in der Berufswelt werden im digitalen Zeitalter mit „Arbeit 4.0“ überschrieben.

Im Rahmen eines bundesweiten Förderprogramms erhalten Unternehmer Hilfe bei digitalen Veränderungsprozessen. Ansprechpartner gibt es bei der Wirtschaftsförderung NF.

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22. März 2018, 19:43 Uhr

Manchmal ist es besser, wenn sich der Chef aus dem Tagesgeschäft heraushält. Denn klar abgegrenzte Verantwortungsbereiche vereinfachen die Kommunikation in jedem Unternehmen. Dies hat Mario Herpel eingesehen. Der Geschäftsführer der Herpel Gebäudereinigung GmbH in Horstedt, bringt es so auf den Punkt: „Als erstes musste ich lernen, mehr am Betrieb als im Betrieb zu arbeiten.“

Er habe die Firma im Jahr 2010 zusammen mit seiner Mutter gegründet; innerhalb weniger Jahre sei ein Betrieb mit 60 Mitarbeitern entstanden, der professionelle Gebäudereinigung vom privaten bis zum gewerblichen Bereich anbietet. „Ich ziehe mir nur noch bei Spezialaufträgen meine Arbeitsklamotten über und packe selbst beim Reinigen mit an. Dadurch habe ich Zeit, Kontakt zu Kunden zu halten und mich um große Ausschreibungen zu kümmern.“

Sein Unternehmen ist zudem ISO-9001-zertifiziert (internationale Norm im Qualitätsmanagement) – in diesem Bereich engagiert sich sein Mitarbeiter Torsten Tüffers.

Die Anregung, einen solchen Weg einzuschlagen, hat der Nordfriese bei einer Beratung im Rahmen von „UnternehmensWert:Mensch“ (UWM) erhalten. Dieses Förderprogramm des Bundesarbeitsministeriums ist für kleine und mittelständische Firmen gedacht, um diese dabei zu unterstützen, eine moderne Personalstruktur aufzubauen. Finanziert wird bis zu 80 Prozent ein externer, zertifizierter Berater. Dieser Fachmann entwickelt dann mit den Verantwortlichen ein Konzept, wie Mitarbeiter nach ihren Fähigkeiten und den Anforderungen des Betriebs optimal eingesetzt werden können – auch der Chef.

In zehn Tagen auf die Sprünge geholfen hat Mario Herpel ein Unternehmensberater aus Tönning: Henrik Andresen ist für die Prozessberatung nach UWM zertifiziert. „Angefangen haben wir mit einem Organigramm: Wer macht was im Betrieb? Mit wem muss der Mitarbeiter Rücksprache halten, wenn der Kunde plötzlich den Auftrag erweitern will – zum Beispiel, dass außer den Fenstern auch noch die Fensterbänke geputzt werden?“ Aber auch Tipps für Mitarbeitergespräche und zur Stärkung des Teams hat Andresen an den Mann gebracht. Die Frage, ob einzelne Mitarbeiter nochmal die Schulbank drücken sollten, wurde ebenfalls behandelt.

Für die Vermittlung der Beratung und der Fördermittel sind die Wirtschaftsförderung Nordfriesland GmbH (WFG), die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Handwerkskammer die ersten Anlaufstellen.

In einem Pressegespräch im Kreishaus in Husum berichtet die WFG-Fachkräfteberaterin Diana Wieben, dass im vergangenen Jahr acht nordfriesische Unternehmer das UWM-Angebot genutzt hätten. Eine allgemeine Beratung zum Thema haben in 2017 nach ihrer Angabe 80 Interessierte in Anspruch genommen.

Diana Wieben besucht Betriebe, die für das UWM-Förderprogramm infrage kommen: Sie klärt, ob die Voraussetzungen erfüllt sind, regelt die Formalitäten und stellt den Beratungsscheck über acht bis zwölf Beratertage aus.

Und nun kommt das „plus“: Damit Unternehmer den Herausforderungen, die digitale Veränderungsprozesse mit sich bringen, begegnen können, ist zusätzlich das neue Förderprogramm „UnternehmensWert:Mensch plus“ aufgelegt worden. „Mit UWM plus werden Innovationen gefördert, die im Zusammenhang mit der Digitalisierung stehen, zum Beispiel wenn eine App eingeführt werden soll, mit der die Mitarbeiter ihre Arbeitsstunden auch über Mobilgeräte abrechnen können“, erklärt Diana Wieben. Sie unterstreicht, dass in den Beratungen ob mit oder ohne „plus“ nichts „von oben diktiert“ wird. Sie wirbt dafür, die Strukturen in einem Betrieb zukunftsorientiert zu gestalten, denn dies wirke sich positiv auf das Betriebsklima und dadurch auf die Motivation aller aus.

Landrat Dieter Harrsen zeigt sich sichtlich angetan von diesen Angeboten: „Gerade für Nordfriesland passt es gut. Denn unsere Region ist geprägt von kleinen und mittleren Unternehmen, die sich eine gründliche Beratung ohne Fördermittel nicht leisten können. Doch der Fachkräftemangel ist sichtbar – und den kann man nicht nebenbei im Tagesgeschäft behandeln. Personalentwicklung ist zu Recht ein Hauptthema.“

Der Verwaltungschef verweist auf eine neue Einstellung der jüngeren Generation zur Arbeitswelt: Heute gebe es den Anspruch, dass der Beruf zum Privatleben passen müsse. „Moderne Führung bedeutet Coaching“, ist Dieter Harrsen überzeugt.


www.wfg-nf.de

www.unternehmens-wert-mensch.de.

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