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Husumer Nachrichten

17. Oktober 2017 | 11:59 Uhr

Arbeiten, wo andere Urlaub machen

vom

An allen fünf Badestellen in St. Peter-Ording sorgt ein Team für Sicherheit und Ordnung - einer der Teamleiter ist Heinz-Dieter Hecke

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

St. Peter-Ording | Die größte Sandkiste Schleswig-Holsteins und Heinz-Dieter Hecke mittendrin. "Na, gibt es einen schöneren Arbeitsplatz?", fragt der 49-Jährige selbstbewusst - wohlwissend, dass ihm sein Gegenüber kaum widersprechen mag. Nein, gibt es nicht - strahlendblauer Himmel, ein Hauch Wind und weißer Sand, was will man mehr. "Heinzi", wie Hecke von vielen Einheimischen und Gästen genannt wird, steht über den Dingen. Hoch oben auf dem Balkon eines Pfahlbaus am Ordinger Strand. Er ist Leiter der Badestelle und arbeitet dort, wo andere Urlaub machen.

"Baywatch" - immer wieder wird Hecke auf die amerikanische Fernsehserie aus den 1990er Jahren angesprochen. Damals sorgten die TV-Rettungsschwimmer von Malibu für einen wahren Boom bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), die an den fünf Stränden des Nordseebads die Aufsicht führt. In St. Peter-Ording sorgen 16 Frauen und Männer für Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit am Strand. Neben sieben Badestellen-Leitern hat die Gemeinde auch einige Mitarbeiter abgestellt, die sich um die Vermietung der Strandkörbe kümmern. Hinzu kommen ehrenamtliche Helfer im Alter zwischen 16 und 40 Jahren, die ihre Freizeit und ihren Urlaub opfern, um in St. Peter-Ording als Rettungsschwimmer für die Allgemeinheit im Dienst zu sein. Einer von den Freiwilligen ist Norbert Piltz. Der 26-jährige Stuttgarter kommt seit acht Jahren. Drei Wochen lang tauscht der Betriebswirt Hemd, Krawatte und Computer gegen Badehose, Sonnencreme und Fernglas. Zum Team gehört auch Christiane Schulte. Die 21-jährige Studentin aus dem Münsterland verstärkt seit fünf Jahren das Ordinger DLRG-Team.

Als "Mädchen für alles" ist Heinrich Gerkens auf der Holzhütte im Einsatz. "Bei ihm bekommst Du das Rundum-Sorglos-Paket", erläutert Hecke. Gerkens kümmert sich um die Vermietung und Sicherung der Strandkörbe. Außerdem hat er wie alle am Strand Beschäftigten einen speziellen Erste-Hilfe-Kursus absolviert, ist überdies ausgebildeter Rettungsschimmer und "wenn Du willst, schmiert er Dich auch mit Sonnencreme ein", scherzt Hecke.

Zwölf Kilometer lang und zwei Kilometer breit ist die Sandzunge im Westen Eiderstedts. Rund 1000 Strandkörbe verteilen sich auf diesem Areal und dazu jede Menge Strandmuscheln. Da heißt es, die Übersicht zu bewahren - und auch die Ruhe. Das ist aber manchmal leichter gesagt als getan. Nämlich dann, wenn ein Kind verloren geht. Und das passiert täglich. "Wenn sich ein Kind bei uns meldet oder abgegeben wird, finden wir die Eltern relativ schnell", sagt Hecke. Anders ist es, wenn sich sorgenvolle Eltern an die Strandaufsicht werden. "Die reagieren meist panisch", weiß der 49-Jährige, der seit 28 Jahren für die Gemeinde im Einsatz ist. An einem Tag, an dem tausende am Ordinger Strand sind, können Eltern und Kinder schon einmal die Übersicht verlieren. Hilfreich seien daher die Kindersuchbänder. Die gibt es kostenfrei bei der Aufsicht: Zu Beginn des Strandbesuchs werden Kontaktdaten aufgenommen, und der Nachwuchs erhält ein blau-weißes Bändchen mit Nummer. "Das erleichtert die Arbeit ungemein und wird auch sehr gut angenommen."

Die "Pflastergeschichten" machen den Schwerpunkt der Einsätze aus. Schnittverletzungen - zumeist verursacht durch Schwertmuscheln - kommen täglich mehrfach vor. Die Zahl der Verbrennungen durch Quallen hingegen hat in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen, sagt der Tatinger. Überhaupt: Rund 98 Prozent aller Einsätze werden an Land absolviert, die übrigen zwei Prozent der Hilfeleistungen finden auf dem Wasser statt. Hierfür stehen den Teams fünf Boote und ein Jet-Ski zur Verfügung. Abgetriebene Surfer sowie Schwimmer, die ihre Sprung- oder Hüftgelenke verletzt haben, rufen dann die Retter aufs Wasser. Zudem gibt es immer wieder Badende, die sich bei Hitze sofort in die kühlen Fluten stürzen würden und dann Kreislaufprobleme bekämen, erklärt Hecke. "Wir sind mit allem ausgestattet, was der Erstversorgung dient. Spritzen, Infusionen und medizinische Geräte", sagt er. "Bei 30 000 Gästen am Strand sind immer ein, zwei Ärzte in der Nähe." Im Bedarfsfall werden die Mediziner dann per Lautsprecher angefordert. Sie leisten die Erstversorgung bis Notarzt und Rettungswagen eintreffen.

Die Flut kommt. Das Funkgerät in der Hand von Heinz-Dieter Hecke bleibt nicht ruhig. Immer wieder tauschen sich die Aufsichten der fünf Badestellen aus, teilen den Kollegen mit, was sie wo beobachten. Ein Pärchen wandert in einigen Kilometern Entfernung am Strandsaum entlang. "Wenn sich die Priele mit Wasser füllen, wird denen der Rückweg abgeschnitten", sagt Hecke und setzt sich in sein Allradfahrzeug. Wenig später steht er neben den Urlauben. "Ihr habt den Flutkalender im Blick?", erkundigt sich "Heinzi" bei den sichtlich Erschrockenen, die sich laut eigener Aussage bereits auf dem Rückweg befinden.

Gegen Abend wird es ruhiger. Die Kernarbeitszeiten der Strandaufsicht sind täglich von 9 bis 17.30 Uhr. "Nach oben offen", betont Hecke. "Hier geht keiner nach Hause, wenn noch jemand vermisst wird." Ein normaler Arbeitstag geht zu Ende. Fundbüro, Seelentröster, Lebensretter und Ordnungshüter und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. So kennen die Gäste ihren "Heinzi" - und so mögen sie ihn.

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