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Bomben-Alarm in Husum : Angst vor Anschlag in der Innenstadt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Ein psychisch kranker 50-Jähriger aus Nordrhein-Westfalen droht mit einer Bombe im Auto – und versetzt die Husumer in Schrecken.

von
erstellt am 01.Jun.2017 | 07:00 Uhr

Es war ein Szenario, das die meisten nur aus dem Fernsehen kennen. Doch was sich gestern Nachmittag auf dem Marktplatz vor der Marienkirche abspielte, löste bei vielen Menschen Entsetzen und Angst aus.

Gegen 13.40 Uhr gingen bei der Polizei mehrere Anrufe ein, die sich über einen möglicherweise betrunkenen Autofahrer beschwerten, der ständig im Kreis um den Tinebrunnen fuhr. Dabei schrie er Sätze aus dem Seitenfenster, die bei der Polizei höchste Alarmstufe auslösten: „Mehrere Zeugen meldeten, dass der Fahrer immer wieder darauf hinwies, dass er eine Bombe im Auto habe“, berichtet die Flensburger Polizei-Pressesprecherin Franziska Jurga. „Holen Sie die Polizei, holen Sie das Fernsehen – dann wird hier keine Person verletzt“, ist die Stimme des Autofahrers auf einem Video zu hören, dass einer der Passanten mit seinem Handy aufnahm.

„Wir sind daher von einem Ernstfall ausgegangen und haben alle notwendigen Schritte eingeleitet“, so die Polizei-Sprecherin weiter. Vier Polizeiwagen wurden sofort zum Marktplatz beordert und versuchten, den Autofahrer an der Weiterfahrt zu hintern. Doch es gelang ihm immer wieder, den Autos der Beamten auszuweichen. Schließlich fuhr er sein Fahrzeug – einen Honda Jazz – in die Krämerstraße. Dort wurde er von einem Zivilfahrzeug der Polizei gerammt.

Dann ging alles blitzschnell. Mehrere Polizeibeamte holten den Fahrer aus dem Auto und hielten ihn am Boden fest. Benjamin Hansen wurde Zeuge des Geschehens: „Der hat wie wild um sich geschlagen und geschrieen und ständig die Polizeibeamten angespuckt“, berichtet er. Daraufhin sei ihm eine Schutzmaske angelegt worden. „Fünf bis sechs Polizisten haben den Mann aus seinem Auto gezerrt, ihn zu Boden gedrückt und schließlich in den Polizeiwagen bugsiert“, erzählt eine andere Augenzeugin. Auch die Husumerin Nina Nissen musste das Geschehen ungewollt miterleben: „Ich wollte eigentlich nur einkaufen – und plötzlich war ich mittendrin in einem Kriminalfilm.“ Sie hatte ebenfalls gehört, wie er auf eine Bombe hinwies.

Die Polizei sperrte daraufhin den gesamten Marktplatz weiträumig an. Auch die umliegenden Geschäfte wurden evakuiert. „Aufgrund seiner Drohung haben wir den Kampfmittelräumdienst aus Kiel angefordert“, so der Flensburger Polizei-Presseprecher Christian Kartheus. „Wir haben die Situation sehr ernst genommen.“ Viele Schaulustige verfolgten, wie sich der durch einen speziellen Anzug geschützte Entschärfer ans Werk machte. Von Höhe der Drogerie Rossmann aus konnte eine Augenzeugin den Mann genau beobachten. „Er hat seine Schutzkleidung angezogen und ist bestimmt vier Mal zum Auto hin und wieder zurück gegangen“, erzählte sie. „Beim fünften Mal hat er seinen Koffer mitgenommen.“

Auch das Ordnungsamt der Stadt war in die Maßnahmen eingebunden. „Sollten Menschen evakuiert werden müssen, sind wir für die Unterbringung zuständig“, so dessen Leiter Malte Hansen. Die Stadt habe zwar einen Evakuierungsplan für den Katastrophenfall, sagte er. Doch dieser sei auf den Fall einer Sturmflut zugeschnitten und stamme noch aus den 1970er Jahren. „Für eine Situation wie diese haben wir gar keinen Evakuierungsplan.“ Hier seien dringend Maßnahmen geboten.

Gegen 17.30 Uhr war klar: Es gab keine Bombe – Polizeirevierleiter Dirk Benzmann konnte Entwarnung geben. Doch für die Augenzeugen war damit die Aufregung noch nicht zu Ende. „Man denkt natürlich zuerst an einen Terroranschlag wie in Berlin“, so der 67-jährige Husumer Karl-Heinz Johannsen. Und auch Rainer Jacobsen konnte nur bedingt durchatmen: „Ich wollte eigentlich meine kranke Großmutter besuchen, doch das verschiebe ich wohl besser auf morgen.“

„Der ist wie ein Besengter um die Tine herumgefahren, bestimmt zehn Minuten lang“, erzählt Marlies Feddersen, Fleischfachverkäuferin bei Stadtschlachter Claußen, dessen Geschäft direkt am Markt ist. Dabei habe er laut geschrien. „Wir dachten nur, was ist das für ein Bekloppter!“ Am Ende musste das Geschäft vorzeitig schließen: „Da die Innenstadt gesperrt war, kamen ja keine Kunden mehr.“

Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook sorgte der Vorfall für Gesprächsstoff. „Das war echt ein komisches Gefühl“, schreibt eine Userin. „Oh mein Gott .  .  . ohne Worte“, eine andere. Zudem wurde rege darüber diskutiert, ob man sich überhaupt in den sozialen Netzwerken über eine akute Situation wie eine Bombendrohung austauschen sollte. Zudem sofort wilde Gerüchte die Runde machten. Aber beruhigende Posts gab es auch: „Aufruhr um nix, wenn er Leuten hätte schaden wollen, wäre er in die Menge gefahren .  .  . der war nur mediengeil“, hatte ein User die Lage schon frühzeitig korrekt eingeschätzt. Es wurden allerdings auch Informationen und neue Sachstände gepostet – wie weiträumig abgesperrt sei und ob man mit dem Auto zum Bahnhof fahren könne. Dann beobachtete eine aufmerksame Userin auf der Webcam, dass wieder Autos in der Innenstadt fuhren und Menschen über den Marktplatz liefen. Und ein anderer konnte schließlich aufatmend vermelden: „Sperrung aufgehoben und keine Bombe.“


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