Von der Segregation zur Inklusion : „Anders sein“ seit hundert Jahren

Hoffen auf eine Einladung nach Berlin: Schüler der HTS und der Rungholtschule.
Hoffen auf eine Einladung nach Berlin: Schüler der HTS und der Rungholtschule.

Husumer Schüler gewinnen die Landesausscheidung im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Jetzt hoffen sie, auch bundesweit vorn mit dabei zu sein.

shz.de von
21. Juli 2015, 13:00 Uhr

„Ihr Leben ist absolut zwecklos, aber sie empfinden es nicht als unerträglich. Für ihre Angehörigen wie für ihre Gesellschaft bilden sie eine furchtbar schwere Belastung. Ihr Tod reißt nicht die geringste Lücke. Es ist eine peinliche Vorstellung, daß ganze Generationen von Pflegern neben diesen leeren Menschenhüllen dahin altern …“ Nicht nur bei diesem Zitat aus der Broschüre von Karl Binding und Prof. Alfred E. Hoche von 1920 mussten die Schüler der Hermann-Tast-Schule (HTS) schwer schlucken, als sie für ihr Geschichtsprojekt recherchierten. Auf Anregung der Deutsch- und Geschichtslehrerin Dr. Sabine Stahmer-Wusterbarth hatten sich 13 Schüler der neunten und zwölften Klasse entschlossen, an dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teilzunehmen, zu dem die Körber-Stiftung alle zwei Jahre aufruft.

„Anders sein“ lautete das Motto. „Wir sind über den Schimmelreiter zu unserem Thema gekommen“, sagt Julian Kallinowski, einer der Schüler. „Die Tochter des Protagonisten Hauke Haien ist behindert und wird in der Novelle als schwachsinnig bezeichnet.“ Und so untersuchten die Schüler die Geschichte von Behinderten in Nordfriesland vom Kaiserreich bis heute. Dazu ist eine mehr als vierzig Seiten lange Abhandlung mit dem Titel „Krüppel – Idioten – Behinderte. Von der Segregation über die Integration zur Inklusion“ entstanden sowie ein Film.

Das Ergebnis ihrer Arbeit zeigt: In der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik wurden Behinderte entweder zu Hause versteckt oder in geschlossenen Anstalten untergebracht. Sie sollten von der Gesellschaft fern gehalten werden. Euthanasie wurde schon in den 1920er Jahren diskutiert – die Nationalsozialisten setzten sie dann in die Tat um. Erwachsene wurden vergast und Kindern wurden Medikamente verabreicht, die sie krank machten, so dass in den Sterbeurkunden nur natürliche Todesursachen standen.

Das änderte sich nach dem Ende des Krieges. Im Grundgesetz von 1949 steht: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Während behinderte Kinder in den 1960ern noch zu Hause unterrichtet wurden oder auf separate Sonderschulen gingen, entwickelt sich der Gedanke der Integration ab den 1970er Jahren. Und in den 1980ern gab es erste Einrichtungen, in denen alle Kinder gemeinsam lernen konnten. Seit Mitte der 1990er Jahre gewinnt die Inklusion immer mehr an Bedeutung. Es geht nicht mehr darum, „Kranke“ in eine Welt voller „Gesunder“ zu integrieren, sondern um die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen.

Für die Recherche über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wandten sich die Schüler der HTS an die Rungholtschule. Daraus entstand eine produktive Zusammenarbeit, so dass das Ergebnis, das die Schüler beim Wettbewerb einreichten, nicht nur eine Arbeit über, sondern mit behinderten Menschen wurde. Die Schüler der Rungholtschule schrieben das Theaterstück „Es ist normal verschieden zu sein“, das sich mit der Geschichte ihrer Schule beschäftigt, und verfilmten es.

Die Arbeit am Projekt dauerte von September 2014 bis Februar 2015. Insgesamt wurden mehr als 1500 Arbeiten bei der Körber-Stiftung eingereicht. 250 Landespreisträger sind nun eine Runde weiter – darunter auch die Husumer Schüler. Im Kieler Landtag erhielten sie ihre erste Auszeichnung. Nun heißt es wieder: warten und hoffen. Denn am 17. November werden die fünf Erstpreisträger nach Berlin ins Schloss Bellevue eingeladen und erhalten dort ihre Urkunde aus der Hand des Bundespräsidenten.

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