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Internationaler Linkshändertag : Anders herum leben

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Am 13. August ist der Internationale Linkshändertag. Der Husumer Musiker Kalle Johannsen von Dragseth gehört noch zu denen, die umerzogen worden sind.

von
erstellt am 09.Aug.2015 | 16:00 Uhr

Er wollte alles mit links machen, aber er durfte nicht. Kalle Johannsen sollte die „feine Hand“ – die rechte – benutzen. Seine Mutter begann mit der Umerziehung, als er vier Jahre jung war. „Ich habe ewig geheult“, erzählt der Husumer. „Für mich war es Quälerei. Mein Körper wollte etwas anderes.“ Und als Kleinkind war es ihm ja durchaus erlaubt worden, sein Spielzeug mit der linken Hand zu greifen – „das geschah intuitiv“.

In der Grundschule nahm er dann den Stift in die rechte Hand: Das häusliche Training zeigte Wirkung. „Da wir langsam geschrieben haben, kam ich klar und hatte auch eine schöne Handschrift. Wenn wir aber etwas ausschneiden sollten, wurde es bei mir nie so ordentlich, denn die Schere war für mich ein Problem – das nervte.“ Auf dem Gymnasium, als Schnellschreiben wichtig wurde, verkrampfte sich Kalle Johannsen mit seiner anerzogenenen rechten Schreibhand so, dass er die eigene Schrift nicht mehr lesen konnte. „Gott sei Dank war ich ein guter Schüler.“

Der 60-Jährige ist zu einer Zeit aufgewachsen, in der Linkshänder „umgepolt“ wurden – dies geschah bis in die 1970er-Jahre. Es sollten wohl unbedingt gesellschaftliche Konventionen erfüllt werden, erklärt sich der Nordfriese die Vergangenheit.

Heute steht fest, dass eine Umerziehung zu Konzentrationsschwierigkeiten und sogar zu Depressionen führen kann. Dies bestätigt Kirsten Trittmaack. Die Ergotherapeutin hat eine Ausbildung zur Linkshänderberaterin bei Dr. Johanna Barbara Sattler absolviert. Die Psychologin und Linkshänderin ist Gründerin und Leiterin der „Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder“ in München. Kirsten Trittmaack vom Ambulanten Therapiezentrum (ATZ) in Husum berät Eltern, Lehrer und Erzieher – auch im Rahmen von Informationsabenden – und bietet ein Schreibtraining für linkshändige Kinder an – darin empfiehlt sie immer eine kleine Maßnahme mit großer Wirkung: So sollte ein Blatt Papier bei einem Linkshänder schräg liegen und der Stift entlang der vorgegebenen Linien angesetzt werden – „auf keinen Fall von oben schreiben, da dann die Hand verkrampft“.

Die Fachfrau weiß aus der Praxis, dass Mädchen und Jungen oft zuerst darunter leiden, Linkshänder zu sein. „Den Kindern ist es unangenehm. Sie wollen so sein wie die anderen. Wenn sie dann merken, dass das Schreiben mit links einfacher ist, freuen sie sich. Es ist ein Prozess.“ Glücklicherweise werde heute nicht mehr umerzogen – „das führt nur zu einem Durcheinander im Kopf“.

Denn jeder Mensch hat eine dominante Hand, da jeder auch eine dominante Gehirnhälfte hat. Bei einem Linkshänder ist die bestimmende die rechte Gehirnhälfte – zuständig für Kreativität – und bei einem Rechtshänder die linke – die Zentrale für rationales Denken. Dass Linkshänder kreativer sind, kann so pauschal nicht gesagt werden, erklärt Kirsten Trittmaack. Nach Schätzungen zur theoretischen Häufigkeit ist jeder Zweite ein Linkshänder. Allgemein wird von einem Anteil zwischen 10 und 15 Prozent ausgegangen. Berühmte Linkshänder waren Albert Einstein und Pablo Picasso – zurzeit ist es auf der politischen Bühne der amerikanische Präsident Barack Obama.

Heute hätte Kalle Johannsen Linkshänder bleiben dürfen und hätte eine Linkshänder-Schere und einen Linkshänder-Füller bekommen. Dass es sogar einen Internationalen Linkshändertag gibt, hat ihn überrascht. Der Tag wurde 1976 am Freitag, 13. August, von dem Amerikaner Dean Campbell ins Leben gerufen. Mit diesem Datum wollte er darauf hinweisen, dass Linkshänder zu sein genauso wenig ein schlechtes Vorzeichen ist wie das Datum Freitag, der 13.  .  .  .

In einem Bereich ist Johannsens Umerziehung gescheitert: in der Musik. Mit 17 Jahren entdeckte er die Gitarre für sich. Er borgte sich damals ein Instrument von einem Freund: Bei dem Versuch, wie ein Rechtshänder zu spielen, „fühlte ich mich wirklich behindert“.

Mit der ersten eigenen Gitarre machte er dann das, was heute noch vielen Linkshändern geraten wird. Der Nordfriese zog die Saiten einfach anders herum auf: die tiefen dickeren kamen nach unten, die höheren dünneren nach oben. Nach einem Tausch können jedoch die tiefen Saiten leicht aus der nicht so tiefen Sattelkerbe der hohen Saite rutschen, während die hohen zu tief liegen und zum „Scheppern“ neigen. „Die Tonreinheit ist hinüber.“ Eine rühmliche Ausnahme sei der Linkshänder Jimi Hendrix gewesen – der habe mit umgedrehten Saiten gespielt.

Seiner Frau hat Kalle Johannsen die erste „Martin“-Gitarre zu verdanken – „ es ist der Rolls-Royce – Hannes Wader spielt auch eine ‚Martin‘“. Dafür ging es auf Einkaufs-Tour nach London. Während es in dem Fachgeschäft genügend Angebote von anderen Gitarrenbauern für Linkshänder gab, war eine entsprechende „Martin“ nicht vorrätig: „Sie hatten in einem Extra-Raum nur schwarze, mit Ketten gesicherte Rechtshänder-Gitarren.“ Aber – und das war das Glück des Husumers: „Ein neues ‚Martin‘-Modell war hereingekommen. Ich habe mir darauf vorspielen lassen und wusste sofort: Die will ich. Erst hieß es ‚impossible‘. Aber dann schaffte es der Gitarrenbauer doch, mir in zwei Tagen – denn dann sollten wir wieder zurück nach Deutschland fliegen – die ‚Martin‘ umzugestalten.“

Zusammen mit Manuel Knortz und Jens Jesse bildet Kalle Johannsen das bekannte Dragseth-Trio. Auf der Bühne kommt es durch den Linkshänder Johannsen zu einer Art „Schmetterlings-Technik“: Er hält den Gitarrenhals nach rechts und einer seiner Kollegen nach links. Heute spielt Kalle Johannsen mit einer extra für ihn angefertigten Linkshänder-Gitarre – natürlich einer „Martin“.

Seine Schreibhand ist die rechte geblieben. Geht es um Kraft und Feinmotorik bevorzugt der auf rechts Umerzogene die Linke – obwohl es dann mit dem Dosenöffner schwierig wird. Spezielles Werkzeug gibt es im Hause Johannsen nicht. Reparaturen kriegt Kalle Johannsen trotzdem mit links hin.  .  .

 

 

Christian Friedrich Martin (1796 bis 1873) war ein Gitarrenbauer aus dem sächsischen Markneukirchen, der nach Amerika ausgewandert war und 1833 im Bundesstaat Pennsylvania seine Firma aufbaute.

 

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