Erhard Schiel : Alte Meister neu gesehen

Kleine Verfremdungs-Details als persönliche Note: Erhard Schiel mit seinen Bildern nach Motiven von Vermeer, Dürer und Veneto (v. l.).
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Kleine Verfremdungs-Details als persönliche Note: Erhard Schiel mit seinen Bildern nach Motiven von Vermeer, Dürer und Veneto (v. l.).

Der Künstler Erhard Schiel aus St. Peter-Ording würdigt mit eigenem Bilderzyklus große Maler der Kunstgeschichte – allerdings mit einem Augenzwinkern.

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31. März 2017, 12:15 Uhr

„Er war ein guter Kerl“, sagt Erhard Schiel über seinen Favoriten Rembrandt. Woher er das weiß? „Ich bin ihm sehr nahe gekommen“, erzählt der 74-Jährige aus St. Peter-Ording. Während seiner Arbeit an und mit den Alten Meistern habe er Stunde um Stunde, Woche um Woche „mit ihnen gelebt“, sich intensiv in sie hinein gefühlt und viel gelernt. Das jüngste Projekt des experimentierfreudigen Künstlers, der immer wieder neue Herausforderungen sucht, ist Dürer, Vermeer & Co. gewidmet und greift große Werke der Kunstgeschichte auf, die (fast) jeder kennt. Vermeer van Delfts „Mädchen mit dem Perlohrring“, Bartolomeo Venetos „Lucrezia Borgia“ oder Hieronymus Boschs „Konzert im Ei“ – Schiel hat sich diesen und weiteren Gemälden in technischer Perfektion auf höchst originelle Art und Weise genähert und sie mit persönlichen „Fußnoten“ versehen, die sich oft erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. So täuschend echt sind seine „Kopien“, dass Atelier-Besucher oft verwundert feststellen: „Oh, da hängen ja auch Poster“, amüsiert sich der Künstler.

Doch Fälschungen im klassischen Sinn sind seine Alten Meister nicht: Winzige Details, ironische Anspielungen, aktuelle Bezüge unterscheiden sie von den Originalen und machen sie zu echten „Schiels“. Der Landschaftsausschnitt hinter Dürers Selbstbildnis zeigt in der Ferne Windkrafträder. Die nackten Brüste von Venetos „Lucrezia Borgia“ wurden mit einem zarten Spitzen-BH bedeckt. Die unheilvolle Stimmung bei Boschs surrealem „Konzert im Ei“ schürt Schiel noch durch Flugzeuge und Ufos. Auf dem Kartentisch von Caravaggios „Falschspielern“ liegt eine Euro-Münze. Rembrandt trägt Schiels goldenen Ohrring. Nur Vermeers „Dienstmagd mit Milchkrug“ scheint unangetastet, bevor man die winzige Steckdose in der Wand entdeckt. 15 Alten Meistern hat Erhard Schiel seinen eigenen Stempel aufgedrückt und sie in aktuellen Kontext gesetzt. Mindestens fünf sollen noch folgen.

Was ihn an den Gemälden reizt? „Ich will wissen, ob ich das kann“, sagt Schiel. Dabei geht es ihm nicht nur um die perfekte Kopie, sondern auch um das Spiel mit den Verfremdungsdetails. „Das macht mir ungeheuren Spaß“, verrät er. Rund eine Woche braucht er für ein Ölbild: „Da darf nichts schiefgehen.“
Dem Reiz Alter Meister erliegen nicht nur Künstler wie Schiel. Auch Generationen von Kunsthistorikern setzten sich immer wieder mit ihnen auseinander. „Weil ihre Werke uns auch nach Jahrhunderten immer noch etwas zu sagen haben, weil sie Spiegel ihrer Zeit und darüber hinaus zeitlos schön sind, weil die Zeichen-, Mal- und Radierkunst auf einem jahrtausendealten Grundwissen fußt, weil dieses erlernt und zu einer Kunstfertigkeit perfektioniert werden muss“, erklärt Dr. Constanze Wilken, Kunsthistorikerin aus St. Peter-Ording, die sich auch ausführlich mit dem Werk von Erhard Schiel beschäftigt hat. Die Auseinandersetzung mit den Alten Meistern ziehe sich wie ein rotes Band durch dessen Werk: „Was er mit den Vorgaben macht, wie er sich annähert, umwandelt, interpretiert und sich schließlich löst, um Eigenes zu schaffen – das zeigt der neue Bilderzyklus.“

Ein Ausstellungsangebot aus den USA hat Schiel bereits. Zuvor aber würde der gebürtige Ostpreuße, der seit den 1980er Jahren an der Westküste lebt, gern seinen Zyklus auf Eiderstedt zeigen: Geplant ist ein Termin im Herbst in der Kirche von St. Peter.

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