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Lage der Diesel-Fahrer in NF vor dem Diesel-Gipfel : Alte Diesel – was wird aus ihnen?

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Vor Gipfeltreffen in Berlin: Kfz-Gewerbe rät zur Gelassenheit und verweist auf Experten in Nordfriesland, die neue Antriebskonzepte erforschen.

shz.de von
erstellt am 01.Jul.2017 | 09:00 Uhr

Wie kriegt man 104 Tonnen Stickoxid aus der Luft im Kreis Nordfriesland? Ganz sicher nicht durch eine Nachrüstung von Euro-5-Dieseln, wie sie morgen (2.) beim nationalen Diesel-Gipfel zur Debatte steht. Das Treffen mit Bundesministern und Industrie- sowie Gewerkschaftsvertretern ist zwar lange geplant gewesen, erreicht aber durch die jüngste Entscheidung des Stuttgarter Verwaltungsgerichts neue Brisanz. Das räumt Fahrverboten Vorrang vor Nachrüstungen der Diesel ein (wir berichteten).

Der Auftrag, sauberere Luft in den Städten ohne Fahrverbote für Diesel zu erreichen, ähnelt der Quadratur des Kreises. Denn die hiesigen Euro-5er produzieren nur 22,6 Prozent der Diesel-Stickoxide. Anders sieht es bei den Diesel-Pkw aus, die noch Schadstoffklasse Euro 4 und niedriger haben: Die kommen in Nordfriesland auf 74,25 Prozent. Der Nachteil: Zugelassene Nachrüst-Lösungen gibt es für diese Autos nicht – und mit einem Software-Update geht gar nichts.

Seit in Stuttgart die Deutsche Umwelthilfe und das grün-schwarz regierte Baden-Württemberg vor dem Verwaltungsgericht die Klingen kreuzten, weiß man, dass aus juristischer Sicht an einem Fahrverbot für Diesel an bestimmten Orten in der Republik kein Weg vorbeiführen wird. Technisch-chemisch-physikalisch macht die juristische Sicht durchaus Sinn. Von den Euro -5-Dieseln, die teilweise noch bis August 2015 verkauft wurden, sind nach Herstellerangaben nur 50 Prozent per Software aufrüstbar und kommen dann auf etwa die Hälfte des jetzigen Schadstoffausstoßes. Auf den Kreis Nordfriesland gerechnet, heißt das: Unterm Strich würde die Euro-5-Nachrüstung 5,9 der 104 Stickoxid-Tonnen vermeiden. Das wären 5,65 Prozent. Und in Stuttgart rund neun Prozent, aus Sicht der Richter auch nicht so der Bringer.

Betrachtet man das Ganze unter dem Aspekt, dass kein Stickoxid das gesündeste Stickoxid ist, dann zeigen die Tonnen-Angaben klar, wo eigentlich angesetzt werden müsste. Diesel-Pkw mit der Schadstoffklasse Euro 4 bis „Euro nix“ im Kreis Nordfriesland bringen zusammen 77,7 Tonnen auf die Waage. Das sind 74,25 Prozent des gesamten Stickoxid-Ausstoßes (NOx). Die wären also weg, wenn die ältesten Diesel weg wären. Die sind allerdings zäh, oder „nachhaltig“', wie das heute heißt.

„Freie Fahrt für blaue Bürger“, sprich die blaue Plakette und blaue Umweltzonen wären eine Variante. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann setzt darauf und will nach der Bundestagswahl einen erneuten Anlauf nehmen. Denn blaue Zonen, das sagt er ganz unverhohlen, erhöhen den Druck auf Menschen mit älteren Dieseln, diese loszuwerden, wie die Erfahrung mit der Einführung der Umweltzonen zeigt. De facto sind sie ein Fahrverbot deluxe, rund um die Uhr und das ganze Jahr. Allerdings sind sie auch brisant für Wahlergebnisse: Das Gerichtsurteil trifft jetzt unmittelbar zu einem großen Teil Familien mit mittlerem und kleinem Einkommen, die diese sehr langlebigen Diesel-Autos fahren, sagen Experten.

Unmittelbar vor dem morgigen Diesel-Gipfel in Berlin rät Jan-Nikolas Sontag, Geschäftsführer des Kfz-Verbandes Schleswig-Holstein, „wegen der komplexen Fragen, die sich jetzt stellen, in aller Ruhe nach vernünftigen Lösungen zu suchen“.

Tatsächlich gebe es auch in Kiel am Theodor-Heuss-Ring Mess-Stationen, die einen höheren Wert ausweisen. Gemessen werde in einer Senke unter einer Brücke, wo sich Luftbelastungen stauen könnten. Allerdings trage der Straßenverkehr nur zu 14 Prozent zur Stickoxid-Belastung bei, die Landwirtschaft zu 21 und die Industrie zu 40 Prozent. Hinzu komme in Kiel der Schadstoff-Ausstoß der Ostsee-Fähren. Bei der Stickoxid-Belastung liege der Anteil des Verkehrs immerhin bei 38 Prozent, was hoch sei. Dennoch müssen dabei auch die anderen Verursacher mitbetrachtet werden. Aber das Kfz-Gewerbe nehme die Ängste und Bedenken in der Bevölkerung ernst, unterstreicht Sontag. Er verweist auf die Suche nach alternativen Antriebs-Konzepten, die eben auch von Experten in Nordfriesland vorangetrieben würde. Daher sei weniger Aufregung anzuraten. „Eines steht für uns fest: Der Diesel ist noch nicht am Ende – und daher ist es auch viel zu früh, schon über staatliche Rückkäufe zu sprechen.“ Wie einst bei der Abwrackprämie.

Auf den lokalen Punkt gebracht, sieht es so aus: Bei den 13.141 Euro-5-Dieseln in Nordfriesland gibt es „Schummel-Diesel“, bei den 4.097 Euro-6-ern, die zu Jahresanfang in den Listen des Kraftfahrt-Bundesamtes waren, vermutlich auch, bei den 8.982 Euro-4-ern gab es eventuell schon ein Kartell, aber die Schadstoffwerte seien nach vorliegenden Daten in Ordnung. Das heißt, „Schummel-Diesel“ oder Euro-5-er insgesamt nachzurüsten ist das eine. Die „kalte Enteignung“ der Dieselfahrer mit älteren Pkw, die technisch in Ordnung sind, zu forcieren oder zu verhindern das andere. Bei der Frage, wer das bezahlen soll, ist die Ausgangslage unterschiedlich. Oder ganz einfach: Es zahlt, wer das Problem zu verantworten hat. Die Dieselfahrer sind das jedenfalls nicht.

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