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Husumer Nachrichten

17. Oktober 2017 | 08:20 Uhr

Vor 50 Jahren : Als der Beat nach Husum kam

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Die Thunderboys waren vor einem halben Jahrhundert die Pioniere des neuen Musik-Zeitalters in der Storm-Stadt: Am 1. Advent 1964 spielten sie in Greves Gasthof erstmals zum Tanztee für die Jugend auf.

Open-Air-Konzerte  an der Messehalle oder Rockmusik-Abende im Speicher – davon konnten Husumer Jugendliche vor  fünf Jahrzehnten  nur träumen.  Tanzveranstaltungen mit Fiete Lemke (1910-1994) und der Combo Schwarz- Weiß, den Jacky Band Boys, den Appolos (später Blaue Jungs) oder vielleicht einmal ein Gastspiel von Gitte, Rex Gildo und Manuela in der alten  Kongresshalle,  waren das, was  junge Leute in der Storm-Stadt seinerzeit geboten bekamen. Immerhin hatte der Twist – eine Wiederbelebung des Rock ’n’ Roll – als Musik  und als Tanz zu Beginn der 60er-Jahre auch  Husum erreicht.  In der Tanzschule Traub in Greves Gasthof oder auf den Bällen der Vereine verrenkten sich selbst die Erwachsenen beim Twist die Glieder – einem Tanz, bei dem man seinem  Gegenüber nicht allzu nahe kommen  musste.

Der Husumer Hans Hartz (1943-2002), der  Anfang der  80er-Jahre mit „Die weißen Tauben sind müde“ und anderen Titeln  Erfolge feiern konnte, versuchte sich unter dem  klangvollen Namen Klein Hänschen oder Little John Hänschen, mit der Northern Party und als John Heart and the Skyliners als Twist-Sänger. 1965 wechselte er zu den Flensburger Avalons und machte auf Beat.  Aber erst, als 1963 und  1964 die Kunde von einer sensationellen Band aus England den Kontinent erreichte, formierten sich überall im Lande Gruppen ähnlicher Zielrichtung, die das „Yeah, Yeah Yeah“ der Beatles als Schlachtruf aufgriffen und mächtig in die Tasten schlugen oder in die Saiten griffen.

In Husum bestand die erste Beat-Formation aus 15- und 16-jährigen Schülern der Mittelschule und des Gymnasiums, die die ersten halböffentlichen Gehversuche im Schwedenhaus unternommen hatten und sich den  Namen The Thunderboys gaben. Geübt wurde  zunächst auf dem Dachboden der Schwan-Apotheke. Doch da die Angestellten der umliegenden Geschäfte hörten, was da  an ungewöhnlichen Klängen durch die Straßen tönte, und dabei mehr in den Fenstern hingen als ihrer Arbeit nachzugehen,  mussten neue Übungsräume gesucht werden.

Ermutigt durch den Erfolg im Schwedenhaus, wagte sich Husums erste Beatband an Größeres. Den Saal von Greves Gasthof, dem alten Gewerkschaftslokal  und späteren Sombrero, kannte man von der Tanzstunde. Und so fragte man den etwas mürrischen Gastwirt, der damit anfangs nichts zu tun haben wollte. Immerhin überließ er  aber doch seinen Saal den Jungmusikern zur Nutzung. Allerdings mit der Auflage, dass diese alles selbst organisieren müssten. Und so wurden  Plakate  entworfen, in der Schule vervielfältigt und in den Geschäften aufgehängt.

 Am Sonntag, 29. November 1964, dem ersten Advent, war es dann so weit: Nachmittags um 16 Uhr  begann der „Tanztee der Jugend“.  Eintritt: eine D-Mark. Sänger Wilfried Petersen, Jörg Becker (Sologitarre), sein Bruder Wolfram (Bass),  Harald Meier und Heinz-Joachim Woelky (Rhythmus-Gitarre) sowie Rüdiger Articus (Schlagzeug) hatten ein Repertoire aus Gitarrenstücken der Shadows –  der Begleitband von Cliff Richard –, der  schwedischen Spotnicks und natürlich  der Beatles und anderer englischer Gruppen erarbeitet – und das riss die gleichaltrigen Jugendlichen  an diesem Nachmittag von den Sitzen. Bei „Skinny Minnie“ bebte der Saal. Allerdings war das Repertoire der Band noch so gering, dass die Titel mehrfach in unterschiedlicher Reihenfolge  gespielt  wurden, um die angesetzte Zeit zu füllen.  Dem Publikum gefiel es dennoch ausgezeichnet. Und  die Husumer Nachrichten berichteten unter der Überschrift „Jugend unter sich, Schülerkapelle spielt heiße Rhythmen“ auch über dieses sensationelle Ereignis.

Der Wirt war auch zufrieden, und so  folgten  noch zahlreiche Auftritte der Thunderboys  in dieser Urstätte des Beat in Husum – und   im Handwerkerhaus, in der Theaterklause, auf Klassenfesten und im ganzen Umland. Aus dem Tanztee der Jugend mit Twist-Musik wurden Beat-Sessions. In den Sommerferien 1965 gaben die Thunderboys sogar ein dreiwöchiges Gastspiel im Erdbeerparadies in Wyk auf Föhr.   Ein eigenes Stück, den „Thunderboy-Rock“ hatten sie auch komponiert – und so mancher Fan meinte, ihn auf Radio Luxemburg gehört zu haben.

 Aber auch die Konkurrenz schlief nicht. Auf Beat-Festivals musste man sich den kritischen Augen und Ohren einer Jury und des Publikums stellen. So am 3. Dezember 1965 in Mildstedt beim Großen Husumer Beat-Festival, wo die Thunderboys auf die Monkeys und die Beatniks aus Schleswig, die Fellows aus Rendsburg und die neu entstandene Konkurrenz aus der Storm-Stadt selbst, die Empires, trafen. 

Das Ende kam im folgenden Jahr. Einer der Musiker verließ die Stadt und ein anderer zog sicherheitshalber  die Reißleine, weil er seine Versetzung  gefährdet sah. Der Rest wechselte zu anderen Gruppen.  Im Herbst 1966 war dann Schluss mit Husums erster Beat-Band.

Dr. Rüdiger Articus

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