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Kaninchenhilfe Nordfriesland : Alles andere als pflegeleichte Kuscheltiere

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Anke Kraus ist in Nordfriesland die Retterin von Kaninchen in Not. Aufklärung bezeichnet die engagierte Tierschützerin als ihre Hauptaufgabe. Und so wird sie nicht müde, für eine artgerechte Haltung in der Gruppe und mit ausreichend Freilauf zu kämpfen.

Er misst 50 Zentimeter und bringt 6,1 Kilogramm auf die Waage. Seine Pfoten sind so riesig, dass man sie gerade mit Daumen und Zeigefinger umspannen kann. Dabei hat er ein Fellchen, so zart wie Watte und so samtig braun wie Trinkschokolade. Jeder, der Ambrosius sieht, ist hin und weg. Fast automatisch streckt man die Hand aus und fragt: „Darf ich den streicheln?“

Ambrosius, von allen nur liebevoll Brosi genannt, ist ein Riesenwidder. Er gehört zu einem Pulk von 80 Kaninchen, die im Februar wegen schlechter Tierhaltung beschlagnahmt wurden. Bei Anke Kraus in Mildstedt fand er ein neues Zuhause. Die 42-Jährige betreibt in ihrem Häuschen in der Ostenfelder Landstraße 2 die Kaninchenhilfe Nordfriesland. Zurzeit umsorgt sie dort 23 Mümmelmänner. Fünf von ihnen sind Gnadenhoftiere und dürfen bis an den Rest ihrer Tage bei ihr bleiben. Unter ihnen auch Ambrosius. Er hat einen Herzfehler und wird deshalb nicht vermittelt. Für die zarte Shenoa ein Glück, denn in dem tapsigen Dickerchen hat sie einen Freund fürs Leben gefunden. Alles, was das auf beiden Augen erblindete Kaninchen-Fräulein nicht kann, übernimmt ihr Kavalier. Er erkundet die Welt – und Shenoa tüffelt vertrauensvoll hinterher. „Das ist oft ein Bild für die Götter“, schmunzelt Anke Kraus. Besonders, wenn die beiden kuscheln, sich das fragile Wesen an den massigen Körper drückt und er sie mit seinen langen Schlappohren zudeckt – „da geht einem wirklich das Herz auf“.

Für Anke Kraus sind solche Momente wie Balsam für die Seele. Denn Tierschutz-Arbeit ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Seit 20 Jahren setzt sie sich für die notleidende Kreatur ein und hat schon so manche schlimme Situation erlebt. Ihre Liebe speziell zu Kaninchen begann vor etwa zehn Jahren. Damals fand sie bei einem Waldspaziergang ein ausgesetztes, krankes Kaninchen. Sie nahm es mit nach Hause und päppelte es auf. Sie wälzte Literatur und suchte Kontakt zu Fachleuten, engagierte sich in der Kaninchenhilfe Deutschland, bildete sich fort und intensivierte die Zusammenarbeit mit Tierärzten. „So kam eins zum andern“, lacht sie, „und schwupps, hatte ich ’ne Aufzuchtstation.“

Anke Kraus tut es weh, dass Kaninchen immer noch das Image haben, ein pflegeleichtes Kuscheltier zu sein, das mit einem Leben im Käfig und in Einzelhaltung zufrieden ist. „Man muss sich doch nur vorstellen, wie Wild-Kaninchen leben. Die sind in Gruppen unterwegs, springen herum, graben, schlagen Haken. . .“ Das alles kann ein Tier in der Box nicht. Es ist völlig unterfordert und fristet sein Dasein mit Futtern, Verdauen und Schlafen. „Einfach traurig und Sünde für das Tier.“

Ein weit verbreiteter Irrtum sei es auch, dass man seinem Kaninchen einen Gefallen tut, wenn man ihm ein Meerschweinchen zugesellt. „Das ist etwa so, als wenn man einen Menschen und einen Affen auf eine einsame Insel setzt“, bringt die Fachfrau ein Beispiel. „Beide tun sich zwar nichts, und sie versuchen zu kommunizieren, aber sie sprechen eben eine unterschiedliche Sprache.“

Ihre Hauptaufgabe sieht Anke Kraus denn auch nicht in der Vermittlung von Tieren („Dies hier ist kein Tierheim im klassischen Sinne“), sondern in der Beratung. Zwar freue es sie, wenn Thekla und Gandalf, Scarlett und all’ die anderen in den Gehegen der Kaninchenhilfe ein schönes Zuhause bekommen, aber ihr großes Ziel ist es, aufzuklären. Dazu beizutragen, dass Kaninchen nicht mehr so stiefmütterlich behandelt werden. „Ein wichtiger Schritt wäre es, wenn Mitarbeiter von Baumärkten und Tierhandlungen beim Verkauf von Kaninchen-Ställen darauf hinweisen würden, dass an die Ställe Freiläufe angebaut werden sollten, die vor Fressfeinden gesichert sind.“

Auch Ernährung ist ein wichtiges Thema. Denn Kaninchen mögen mehr als nur Möhre, Apfel und Löwenzahn. Giersch ist zum Beispiel ein prima – und außerdem kostenloser – Leckerbissen, Spitzwegerich und Schafgarbe. Fast alle Sorten Gemüse – Chicoree, Fenchel, Sellerie – sind willkommen und gerne auch mal Obst-Häppchen. Die Mümmelmänner lieben auch Zweige zum Abknabbern. Auf keinen Fall sollten Kaninchen mit Kartoffeln, Brot, Kohl und Zwiebelgewächsen wie Lauch gefüttert werden.

Tipps dazu und überhaupt Beratung rund um das Kaninchen gibt’s bei Anke Kraus kostenlos. Wer unverbindlich mit ihr ins Gespräch kommen und den Kaninchen einen Besuch abstatten möchte, hat dazu am Sonntag (13.) Gelegenheit. Von 10 bis 15 Uhr veranstaltet sie einen Hof-Flohmarkt.

Und was ist nun mit Ambosius? Mag er gestreichelt werden oder nicht? Die Antwort der Kaninchen-Fachfrau ist salomonisch: „Er nimmt das wohl hin. Aber viel lieber schmust er mit Shenoa.“

 

Kontakt: Kaninchenhilfe Nordfriesland, Telefonnummer 04841/9373717 oder 0174/8556622.

Der Verein finanziert sich nur über Spenden. Auf Wunsch werden Spendenbescheinigungen ausgestellt. Konto: 45777012, BLZ 22191405, VR Bank Pinneberg eG.

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