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Sylt-Pendler : Ärztin: „Sie müssen runter von der Insel“

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Weil sie die regelmäßigen Zugverspätungen nicht mehr aushalten konnte, hat Britta Wichmann ihren Job auf Sylt gekündigt.

Immer wieder kaputte Züge und Loks: Die schwierige Situation der Pendler zwischen Niebüll und Sylt ist hinlänglich bekannt. Dass diejenigen aber, die von Niebüll aus weiter gen Süden fahren, also täglich bis Langenhorn, Bredstedt oder gar Husum pendeln müssen, vor noch viel größeren Herausforderungen stehen, wissen manche gar nicht. Dabei trifft es viele von ihnen gleich doppelt, denn zur allmorgendlichen Sorge „Komme ich pünktlich zur Arbeit?“ gesellt sich Abend für Abend die bange Frage: „Wie komme ich heute nach Hause? Bin ich wieder stundenlang unterwegs?“ Aber auch: „Kann ich meine Termine und Verabredungen einhalten?“ Einige leiden sehr unter dem Gefühl, immer zu den Zuspätkommern und Unzuverlässigen zu gehören, auf der Arbeit ebenso wie daheim bei Familie und Freunden. Über diese Ängste berichtet Pendlerin Britta Wichmann.

Britta Wichmann liebt Sylt über alles. Seit 2008 hatte sie dort einen tollen Job bei einem Zahnarzt, mit dem sie ebenso gut auskam wie mit dem Team und den Patienten – alle waren ihr mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen. In den ersten Jahren konnte sie die Bahnfahrt vom Bredstedter Bahnhof nach Westerland auch noch genießen: „Ich habe so manches Buch gelesen, Musik gehört oder mit anderen Pendlern geklönt. Dabei sind auch Freundschaften entstanden“, erinnert sie sich gerne. Die Gedanken an die Arbeit konnte sie unterwegs abstreifen und kam abends total entspannt zu Hause an – sehr zur Freude ihrer damals noch kleinen Tochter, die so lange von einer Tagesmutter betreut wurde.

Irgendwann aber war es vorbei mit dieser Idylle. Immer häufiger gab es gravierende Verspätungen, Zugausfälle und andere Probleme, die 2013 dazu führten, dass Britta Wichmann ihren Chef bat, nur noch Teilzeit zu arbeiten. „Ich war viel zu oft erst gegen 19.30 Uhr zu Hause. Zu spät für Leonie, die damals gerade zur Schule gekommen war“, erzählt die alleinerziehende Mutter und ist ihrem Chef heute noch dankbar, dass er ihr diesen Wunsch erfüllte.

Doch am Ende brachte ihr die Verkürzung der Arbeitszeit gar nichts, denn obwohl sie die Insel nun schon kurz nach 12 Uhr verlassen konnte, kam sie oft erst Stunden später zu Hause an. Mal fiel der Zug komplett aus oder fuhr nur bis Niebüll, wo sie lange auf den Anschlusszug warten musste, mal blieb er unterwegs auf dem Damm stehen oder die Türen ließen sich nicht öffnen, wenn sie in Bredstedt aussteigen wollte. „Es war die Vielzahl der Ereignisse, die heftig an meinen Nerven zerrten“, sagt Britta Wichmann, die Leonie immer wieder am Telefon vertrösten musste und auch der Tagesmutter gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte. „Irgendwann glaubt Dir keiner mehr, dass der Zug Schuld an Deinem ewigen Zuspätkommen ist, zumal es von Seiten der Bahn keinerlei Hinweise auf die Probleme gab. Laut Internetseite waren die Züge immer pünktlich“, ärgert sie sich noch heute über die Ignoranz der Bahn.

Irgendwann war die 40-Jährige davon so genervt, dass sie vom Zug aus auf Facebook die Seite „NOB Pendler Husum-Westerland“ ins Leben rief, auf der sie fortan alle Verspätungen und Ausfälle in Echtzeit postete und auch andere Pendler dazu aufforderte, dies zu tun – eine Idee, die wie eine Bombe einschlug: „Schon nach einer Woche hatte ich mehr als 500 Follower, heute nutzen diese Seite mehr als 4100 User“, sagt sie.

Im Austausch mit anderen Pendlern erfuhr sie, dass der Bahn für jede Verspätung über 20 Minuten 2,80 Euro in Rechnung gestellt werden können. „In einem Monat kam ich auf eine Erstattung von mehr als 300 Euro. Eine schöne Summe. Das machte aber auch deutlich, dass nicht nur der Zug mehr als 100 Mal mit erheblicher Verspätung ans Ziel gekommen war, sondern ich selbst auch. So oft habe ich meine Tochter warten lassen“, sagt Britta Wichmann noch heute mit schlechtem Gewissen.

Das Portal brachte zwar ein wenig Entspannung in die Situation, weil sie sich nun nicht mehr so alleine fühlte und sie oft lachen musste über den schwarzen Humor ihrer Leidensgenossen, doch nach wie vor fühlte sich die Zahnarzthelferin ständig abgehetzt und gestresst, was sich auch körperlich bemerkbar machte: Bluthochdruck, Kreislaufprobleme, zunehmende Anfälligkeit für Erkältungen. „Sie müssen runter von der Insel, sonst wird das alles noch viel schlimmer“, warnte ihre Hausärztin.

Schweren Herzens folgte die 40-Jährige diesem Rat und bewarb sich erfolgreich auf eine Stellenanzeige einer Praxis in Bredstedt. Seit einigen Wochen arbeitet sie dort wieder Vollzeit und hat erstaunlicherweise trotzdem sehr viel mehr Freizeit für sich, für ihre kleine Familie, für Freunde, Hobbys, Schulveranstaltungen. Und so ist aus der gefühlten Kapitulation vor den Problemen der Bahn plötzlich ein Sieg auf der ganzen Linie geworden: „Ich kann es selbst kaum fassen, aber 20 Stunden mehr Lebenszeit pro Woche sind für uns tatsächlich ein Riesengewinn“, sagt Britta Wichmann und auch ihre Tochter strahlt: „Mama hat jetzt viel mehr Zeit für mich“, sagt Leonie. Sie genießt das gemeinsame Essen nach der Schule, denn Mama ist jetzt über Mittag immer zu Hause. Sie ist da, wenn Leonie Hausaufgaben macht und ist beim Spielen und beim Kuscheln auf dem Sofa völlig entspannt.

„All das ist in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen“, bilanziert Britta Wichmann, die inzwischen ausgerechnet hat, dass ihr Stundenlohn bei all den Verspätungen am Ende nur noch knapp über sieben Euro lag.

Allen Noch-Pendlern wünscht sie starke Nerven und Durchhaltevermögen, denn dass es keine Lösung ist, wenn alle kapitulieren würden, ist ihr bewusst: „Was wird denn aus Sylt, wenn irgendwann keiner mehr auf die Insel fahren will oder kann?“, fragt sie und wünscht sich, dass die Unternehmer auf Insel sich mal so richtig stark machen würden für ihre Mitarbeiter vom Festland. „Da muss dringend etwas passieren.“

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