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Husumer Nachrichten

18. Oktober 2017 | 08:41 Uhr

Lösungssuche : Ärzte werden zur Mangelware

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Jeder dritte Mediziner in Nordfriesland ist 60 Jahre und älter. Die Verantwortlichen des Klinikums Nordfriesland suchen gemeinsam mit der Kreispolitik nach Lösungen für die Zukunft.

von
erstellt am 20.Nov.2014 | 10:00 Uhr

Wer Einwanderungspolitik bisher als Thema unter „ferner liefen“ betrachtet hatte, wurde von Chefarzt Dr. Christoph Mai, Geschäftsführer der Fachkliniken Nordfriesland, eines Besseren belehrt. Denn neben einer sinkenden Geburtenrate und einer steigenden Lebenserwartung ist es die Zahl der Migranten, die den demografischen Wandel beeinflusst – und bei dem geht es vor allem um die Sicherung der Sozial- und Gesundheitssysteme. Mai war einer der Referenten bei einer öffentlichen Anhörung des Arbeits- und Sozialausschusses des Kreistages im Kreishaus in Husum. Im Mittelpunkt stand die medizinische Versorgung im ländlichen Raum.

Der Geschäftsführer redete nicht lange herum: „Deutschland ist darauf angewiesen, ein Einwanderungsland zu sein.“ Die Experten des Statistischen Bundesamtes geben ihm Recht. Denn sie gehen davon aus, dass es 2060 zehn Millionen Deutsche weniger – also lediglich etwa 70 Millionen – geben wird. Diese Prognose basiert jedoch auf der Annahme, dass rund 200.000 Zuwanderer pro Jahr kommen – „wenn nicht, wäre es schrecklich“, kommentierte Mai. Mit dem Hinweis, dass jede zweite, nach 1980 geborene Frau eine Lebenserwartung von 105 Jahren hat, machte er die Dramatik deutlich.

Letztlich soll mit dem Zuzug von Migranten einer Überalterung der Gesellschaft entgegengewirkt werden. Und die hat ihre Anfänge in den Siebzigern und liegt in einem einsetzenden Wertewandel begründet, der zu niedrigeren Kinderzahlen führte. Mai: „Damit hatte in der Politik keiner gerechnet. 2030 wird uns der Pillen-Knick mit voller Härte treffen.“ Zurzeit liege die Geburtenrate in Deutschland bei 1,3 Kindern pro Frau – in Skandinavien betrage diese etwa 1,5. Bei dieser Entwicklung, so rechnete Mai vor, würden in 250 Jahren in Deutschland „nur noch etwas mehr als zwei Millionen Menschen“ leben – so viele wie heute in Schleswig-Holstein.

„Mehr Herzinfarkte, mehr Schlaganfälle, Diabetes und Demenz“, so sieht nach seinen Worten das Spektrum der Krankheiten in der Zukunft aus – es sind vorrangig gesundheitliche Probleme des Alters. Ebenso wie in anderen Branchen führt der demografische Wandel dazu, dass noch mehr niedergelassene Ärzte in Nordfriesland fehlen werden – „viele gehen mit 65 nicht in Rente, die helfen uns“. Mit Blick auf „seine“ Fachkliniken merkte Mai an, dass es noch aus eigener Kraft gelingt, Fachpersonal zu bekommen. „Wir kriegen welche, die hier hängenbleiben, die nehmen wir gern.“ Er unterstrich nachdrücklich, dass „gute Lebensmöglichkeiten“, zu denen attraktiver Wohnraum und Kindergartenplätze gehören, für Bewerber eine wichtige Rolle spielen. „Schnittstellen für eine Karriereplanung“ würde der Chefarzt gern in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren schaffen.

Einer davon dürfte Klaus Blümling, Prokurist des Klinikums Nordfriesland, sein. Er nannte das Thema „Personal“ eine „tägliche Herausforderung“. „Freie Stellen können nicht sofort besetzt werden. Wir haben zudem eine sehr hohe Fluktuation – teilweise aufgrund nicht erfüllbarer Anforderungen, auch finanzieller Art. Der Arzt ist ein rares Gut.“ Der Prokurist erklärte, dass das Klinikum deshalb neben Ausschreibungen auf Personaldienstleister zurückgreift, und auf dem ausländischen Arbeitsmarkt nach Medizinern sucht. „Die sprachlichen Probleme sind aber nicht von Pappe, und die Fachlichkeit ist nicht immer so, wie wir sie voraussetzen.“ Dass alles versucht werden muss, belegt die Altersstruktur der 1325 Beschäftigten des Klinikums. Blümling: „Jeder Vierte ist älter als 55. Von den 163 Ärzten sind 53 älter als 55 Jahre.“

Um Mitarbeiter zu halten, ist im Klinikum gemeinsam mit der AOK Nordwest eine Lenkungsgruppe „Arbeitszufriedenheit“ aktiv. Regelmäßig finden Einzelgespräche statt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird für den Arbeitgeber Klinikum, der sich hierfür bereits zertifizieren lässt, in Zukunft noch bedeutender, denn: „Es sind überwiegend Frauen, die Medizin studieren. Sie wollen eine Familienplanung – und immer mehr Männer wünschen Elternzeit. Aber auch die Betreuung älterer Familienangehöriger wird häufiger nachgefragt.“ Eine betriebliche Kindertagesstätte und die Möglichkeit, Arbeitszeiten befristet zu verkürzen, stehen deshalb auf Blümlings Agenda ganz oben. „Wir bräuchten eine Kindertagesstätte mit Zeiten von 6 bis 21 oder 22 Uhr, und wir wollen auch Rettungsdienst und Pflege einbinden.“ Aber es gibt noch etwas, das dem Personalverantwortlichen am Herzen liegt: „Keiner kann es allein schaffen. Daher sollten Anbieter und Kostenträger ein- bis zweimal im Jahr an einem Runden Tisch zusammenkommen.“

Mit Blick auf den Mangel an Allgemeinmedizinern plädierte Blümling dafür, ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) in Trägerschaft des Kreises Nordfriesland einzurichten. Dies ist erlaubt, wie Delf Kröger, Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik bei der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVS) aufklärte. „Kommunen dürfen Träger sein, und es ist möglich, dass in einem MVZ nur Allgemeinmediziner und keine Fachärzte vertreten sind.“ Kröger machte deutlich, dass ein Angestelltenverhältnis für Ärzte durchaus interessant sein kann. Klaus Blümling verdeutlichte das Problem: „In unserer Ambulanz laufen vermehrt Patienten auf, die keinen Hausarzt haben.“ Im vergangenen Jahr waren es 45 000 Kranke, die insgesamt ambulant versorgt werden mussten. Kröger merkte an, dass bisher in Husum und dessen Umland zehn Sitze für Allgemeinmediziner nicht besetzt sind. Er teilte Christoph Mais Einschätzung, dass „gute Lebensbedingungen“ entscheidend sind, um überhaupt Mediziner in den ländlichen Raum zu bekommen. Denn im Trend liegen die Großstädte – und: „Jüngere Ärzte haben keine Neigung zur Hausarztmedizin.“

Der Fachmann fasste zusammen, was von der KVS an Maßnahmen ergriffen worden ist, damit der Landarzt nicht zur Geschichte wird. So darf es jeweils eine halbe Zulassung für eine Praxis und eine Klinik geben, die Residenzpflicht ist aufgehoben, und es werden Mediziner im praktischen Jahr für Nordfriesland angeworben. Einen Mangel an Ärzten gibt es laut Kröger nach Bedarfsberechnungen noch nicht. Aktuell stehen den Nordfriesen etwa 119 Hausärzte, 132 Fachärzte und 32 Psychotherapeuten zur Verfügung. Aber: „35 Prozent der Ärzte im Kreis sind 60 und älter.“

Mediziner aus dem Ausland sind daher eine Option. Deshalb hatte der Ausschuss Jürgen Thunert von „3B-Solutions“ (Karlsruhe) ebenfalls zur Anhörung eingeladen. Die Firma vermittelt Mediziner aus Ungarn nach Deutschland.

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