Nach Havarie mitten im Wattenmeer : „Adler-Express“: Wie 239 Urlauber auf einer Sandbank strandeten

Trockengelaufen: Die Fahrgastschiffe „Adler-Express“ (rechts) und „Hauke Haien“. Die Passagiere konnten auf die Sandbank „Schweinsrücken“ aussteigen.
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Trockengelaufen: Die Fahrgastschiffe „Adler-Express“ (rechts) und „Hauke Haien“. Die Passagiere konnten auf die Sandbank „Schweinsrücken“ aussteigen.

Nach einem Navigationsfehler des Kapitäns saß das Ausflugsschiff „Adler-Express“ für neun Stunden zwischen Amrum und Hooge fest – und die „Hauke Haien“ gleich mit. Die „Adler-Express“ muss in die Werft.

shz.de von
13. Juli 2015, 07:30 Uhr

Hallig Langeneß | Das war eine aufregende Ausflugsfahrt für die 239 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder der „Adler-Express“: Am Sonnabend, 11. Juli, lief das 42 Meter lange Highspeed-Ausflugsschiff auf seiner Rundfahrt im Wattenmeer aufgrund eines Navigationsfehlers des als erfahren geltenden Kapitäns auf einer Sandbank nahe Hallig Langeneß trocken. Auch ein zweites Ausflugsschiff, die 34 Meter lange „Hauke Haien“, dessen Besatzung der „Adler-Express“ zur Hilfe kommen wollte, fuhr sich mit Dutzenden Fahrgästen an Bord auf der Sandbank fest. Verletzt wurde bei diesem Unglücksmanöver nach Angaben der Adler-Reederei niemand.

Es war kurz nach elf Uhr am Sonnabendvormittag, als die „Adler-Express“ – sie war auf dem Weg von Nordstrand über Hooge und Langeneß nach Amrum und Sylt – aus der Fahrrinne im Wattenmeer abkam und plötzlich mit ihren Passagieren auf der Schweinsrücken genannten Sandbank festsaß. „Trotz der beachtlichen Fahrt, die das Schiff nach dem Ablegen auf Langeneß bereits wieder erreicht hatte, war das Abbremsen durch das Auslaufen auf die Sandbank zwar enorm, aber nicht abrupt – eher rutschend“, beschrieb ein Fahrgast aus Hamburg die Situation. Ein Hund sei auf allen Vieren vorbeigeschliddert und eine Dame habe sich die Nase an ihrem Rucksack gestoßen. Anderen habe es den Tisch abgeräumt. „Es gab verschiedene Durchsagen zur Erklärung und wir mussten dann zwischendurch alle zum Bug vorgehen. Doch das Schicksal war bei ablaufendem Wasser anscheinend besiegelt“, so der Hamburger, der mit seiner Frau auf dem Weg zu seinen Schwiegereltern auf Amrum war, zu den Versuchen des Kapitäns, durch diverse Manöver das Schiff wieder flottzubekommen.

„Wir haben einen Anruf von der Adler-Reederei bekommen, ob wir den Reeder Sven Paulsen zum Unglücksort bringen können“, erzählt Jörg Stork, Mitglied des Catamaran Clubs Sylt. Mit dem 115 PS starken Schlauchboot, seinem 16-jährigen Sohn und dem „nicht gerade glücklich wirkenden“ Paulsen machte sich der 62-Jährige auf den Weg. Und blieb den restlichen Nachmittag mit dem Schlauchboot im Einsatz: „Wir haben dann in gut zehn Fahrten ungefähr 130 Passagiere der „Adler-Express“ von der Sandbank zur ,Adler IV‘ gefahren“, erzählt er.

Die „Adler IV“ gehörte neben der „Hilligenlei“ und der „Rungholt“ zu den Schiffen, auf die die Passagiere mit Hilfe der Seenotretter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) und den Helfern des Sylter Catamaran Clubs gebracht wurden. „Die Passagiere waren alle recht gut drauf, so eine Schlauchboot-Fahrt ist ja auch mal ein Abenteuer“, sagt Stork. „Es war nur etwas schwierig, gerade die älteren Gäste per Strickleiter auf die ,Adler IV‘ zu bekommen.“

Für den von der Station Amrum herbeigeeilten und gut 20 Minuten nach der Alarmierung an der Unglücksstelle eintreffenden Seenotrettungskreuzer „Ernst Meier-Hedde“ und sein Tochterboot „Lotte“ war es der erste größere Einsatz. Doch auch der 24 Knoten (rund 45 Stundenkilometer) schnelle Neubau – der jüngste Seenotrettungskreuzer der DGzRS war erst Ende Mai dieses Jahres zum 150-jährigen Bestehen der Gesellschaft getauft und Mitte Juni auf Amrum stationiert worden – konnte nichts mehr ausrichten. Denn wegen des weiter ablaufenden Wassers (Niedrigwasser auf Amrum war um 16.13 Uhr) gelang es nicht mehr, die Menschen direkt von den Fahrgastschiffen zu übernehmen. Die Passagiere verließen die Schiffe auf die Sandbank. Allein die rund acht Meter lange „Lotte“ übernahm in acht Anläufen rund 95 Leute. Neben Jörg Storks Schlauchboot des Catamaran Clubs Sylt war dazu auch noch ein Schlauchboot der „Adler-Express“ an der Bergungsaktion beteiligt.

„Als das Wasser ablief und das Schiff trockenfiel, hat der Kapitän die Möglichkeiten zur Evakuierung über die Sandbank ausgelotet und ging dabei von Bord, nicht ohne vorher zu versprechen wieder an Bord zu kommen“, erinnert sich eine Dame amüsiert. Sie lobte trotz der Umstände das professionelle Vorgehen und die Ruhe der Mannschaft – und den Getränkeservice auf der Sandbank. Neugierige Seehunde inklusive.

„Die Gäste, darunter auch einige aus der Schweiz und Österreich, mit denen wir uns unterhielten, haben diesen Zwischenfall im Vergleich zu ihrer normalen Überfahrt als ein echtes Erlebnis empfunden“, so eine entspannte Passagierin aus Norddeutschland. „Diejenigen, die einen Tagesausflug geplant hatten, wurden mit den Fähren der Wyker Dampfschiffs-Reederei nach Dagebüll und Schlüttsiel transportiert, um dort per Bustransfer nach Nordstrand zurückgebracht zu werden.“

Zwischen 19 und 20 Uhr abends kamen „Hauke Haien“ und „Adler-Express“ durch die einsetzende Flut aus eigener Kraft von der Sandbank frei. Die „Adler-Express“ erreichte gegen 23 Uhr Husum, wo sie in der Werft auf Schäden untersucht wird. Am Montag, 13. Juli, sollen die Behörden das Schiff in Augenschein nehmen – schon jetzt steht aber fest, dass die „Adler-Express“ bis Sonntag, 19. Juli, nicht mehr fahren wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass eines der Ausflugsschiffe der Adler-Reederei im schleswig-holsteinischen Wattenmeer auf Grund ging. So lief beispielsweise die „Adler IV“ vor einigen Wochen trocken – allerdings nur für rund 15 Minuten, wie eine Sprecherin der Reederei betont. Warum die „Adler-Express“ sich am Sonnabend, 11. Juli, bei guter Sicht und wenig Wind festfuhr, konnte sie allerdings nicht näher erläutern. „Es ist halt das Wattenmeer“, so die Sprecherin, „wenn man dort kurz aus der Fahrrinne abkommt, kann so etwas passieren – nicht nur unseren Schiffen, sondern auch den von anderen Reedereien.“

Die Strandung hat jedoch ein teures Nachspiel: Die 42 Meter lange „Adler-Express“ muss zur Reparatur ins Dock und fällt so mitten in der Saison für eine Woche aus. Das sagte am Montag die Sprecherin der Reederei Adler-Schiffe, Juliane Peter. Bei einer Untersuchung der „Adler-Express“ durch Experten der Berufsgenossenschaft Seeverkehr und des Germanischen Lloyd am Montag wurden unter anderem Schäden im Unterbodenbereich des Schiffes festgestellt, sagte Peter. Dort seien einige Spanten verbogen, die ausgewechselt werden müssen. Der Sachschaden wird auf 20.000 bis 25.000 Euro geschätzt. Bis Sonntag werde die „Adler-Express“ ausfallen. Andere Schiffe der Reederei werden bis dahin für einen Ersatzfahrplan einspringen.

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