zur Navigation springen

Theodor Storms Grab geöffnet : Abstieg in eine gefährliche Welt

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Storms Grabstätte wurde erstmals nach 48 Jahren wieder geöffnet. Experten prüften die Bausubstanz der Familiengruft - und konnten vorläufige Entwarnung geben.

Ein Ereignis, das sich nur jedes halbe Jahrhundert wiederholt, ist schon etwas Seltenes – insbesondere, wenn es um Husums großen Dichter Theodor Storm geht. Und so war die Neugier auch enorm, als am Mittwoch, 22. Oktober, erstmals seit 1966 die schweren Steinplatten am Grabmal auf dem St.-Jürgen-Friedhof angehoben wurden, wo die Storms und Woldsens liegen. Wobei Christine Friedrichsen einen solchen Auflauf an Schaulustigen und Pressevertretern gar nicht erwartet hatte: „Was wir hier heute machen, sind doch eigentlich nur ganz normale Arbeiten zur Unterhaltung der Bausubstanz“, wunderte sich die Leiterin des Gebäudemanagements der Stadt. „Wir wollen die Statik der Gruft und damit ihre Standfestigkeit prüfen und sehen, ob es an den Wänden Beschädigungen gibt.“ Sorgen machten ihr die beiden großen Bäume an der Westseite der Konstruktion: „Wir befürchten, dass sich deren Wurzeln am Mauerwerk zu schaffen gemacht haben.“

Um dieses genau in Augenschein zu nehmen, stand eine Handvoll ausgesuchter Experten parat, die sich nacheinander über eine schmale Aluleiter auf den Weg in die Tiefe machten. Allen voran das Ehepaar Dr. Regina und Dr. Andreas Ströbl, zwei Archäologen und Kunsthistoriker von der privaten Forschungsstelle Gruft in Lübeck, die sich mit der Bestattungsforschung beschäftigt. Ausgestattet mit Atemmasken nahmen sie das sechs Meter messende Gewölbe in Augenschein, in dem 35 Menschen ihre letzte Ruhe fanden. „Ohne Atemschutz lauert dort durch die von Schimmelpilzen vergiftete Atmosphäre tödliche Gefahr, die schon einige Grabforscher das Leben gekostet hat“, erklärte Andreas Ströbl.

Ergänzt wurde das Archäologen-Ehepaar durch einen Statiker aus Bad Oldesloe, den Baumsachverständigen Uwe Thomsen aus Pinneberg sowie die Gebäudemanagement-Mitarbeiter Gabriele Holler-Iatropoulos und Thomas Borowski. „Wir dokumentieren das Innere auf Fotos, die wir dann auswerten und auf dieser Basis entscheiden, welche Maßnahmen zur Erhaltung getroffen werden müssen“, erläuterte Christine Friedrichsen.

Und es gab noch einen ganz speziellen Fachmann, der der Öffnung zuschaute: Prof. Dr. Karl Ernst Laage, international anerkannter Storm-Kenner und Ehrenpräsident der Storm-Gesellschaft. Vor 48 Jahren war er noch selbst mit in die Gruft gestiegen. „Das war damals schon ein Bild der Zerstörung“, erinnerte sich der 96-Jährige. „Die meisten Särge, die dort unten auf zwei Schichten Eisenstangen aufgebahrt stehen, waren zusammengebrochen.“ Das Gewölbe sei 1966 aber noch verhältnismäßig standfest gewesen. Ihm war die Anteilnahme an der Öffnung sehr recht, bedeutete sie doch ein hohes Interesse an Storm und seiner Ruhestätte, zu der Jahr für Jahr Forscher und Verehrer aus der ganzen Welt pilgern: „Mir ist es wichtig, dass das Grab erhalten bleibt.“

Dafür stehen die Zeichen gut: „Akut einsturzgefährdet ist die Gruft nicht“, konnte die Gebäudemanagement-Leiterin Entwarnung geben, nachdem die Gutachter ihre Beobachtungen geschildert hatten. „Es ist alles sehr nass da unten“, beschrieb Andreas Ströbl. Neben dem Schimmel sei die Höhle auch Heimat für viele andere Pilze. Gebeine seien aber keine zu sehen gewesen. Das habe ihn beruhigt, denn er und seine Frau legten bei ihrer Arbeit sehr viel Wert darauf, die Würde der Toten zu erhalten: „Wir überlegen uns immer, was die Bestatteten wohl gewollt hätten, ob es ihnen überhaupt gefallen hätte, untersucht und angeschaut zu werden.“ Den Willen der Verstorbenen zu achten habe Priorität. Das sei hier jedoch unproblematisch: „Die Holzsärge sind vollständig zerfallen, die Metallsärge dagegen teilweise noch einigermaßen gut erhalten.“ Aber das Wichtigste war: „Durch die Mauer gewachsene Baumwurzeln haben wir nicht feststellen können.“ Jetzt müsse mit der Stadt beraten werden, wie es weitergehen soll.

Für diese Beratungen sei nun glücklicherweise keine Eile geboten, sagte Christine Friedrichsen. „Sofortmaßnahmen sind nicht notwendig – damit haben wir Zeit, alles in Ruhe auszuwerten.“ Das werde wohl einige Monate in Anspruch nehmen. „Und unsere Empfehlungen werden wir dann in den zuständigen Ausschüssen bekannt geben, denn die Stadtpolitiker müssen natürlich auch die Finanzmittel für die Sanierungsarbeiten bereitstellen.“

Dass sie das tun werden, ist sicherlich nicht nur der Wunsch von Professor Laage und der Storm-Gesellschaft – schließlich ist das Grab des Dichters auch ein touristischer Anziehungspunkt. Und so viele große Söhne vom Kaliber eines Theodor Storm hat Husum ja nun auch wieder nicht.

zur Startseite

von
erstellt am 23.Okt.2014 | 09:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen