Leidenschaft im Doppelpack : 95 Jahre – und am liebsten kreativ

Auch mit 95 Jahren noch immer aktiv: Erika Bober.
Auch mit 95 Jahren noch immer aktiv: Erika Bober.

Ob beim Weben oder Aquarellmalen, Erika Bober aus Husum geht noch immer gern auf Entdeckungsreise und will auch anderen Mut machen, die eigenen Fähigkeiten zu aktivieren.

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15. Mai 2015, 15:30 Uhr

Erika Bober kommt schnell zur Sache: „Machen Sie mal die Schublade auf. Das ist mein Proviant“, sagt die 95-Jährige, während sie schmunzelnd auf den Inhalt der Kommode deutet, in der sich Wollknäuel an Wollknäuel reiht.

Jahrzehnte lang arbeitete Erika Bober als Handwebemeisterin. Und noch immer lässt sie der Beruf nicht los, „weil es mir Spaß bringt und weil ich dabei Hirn und Finger trainieren kann“. Sicher, der Handwebe-Rahmen ist kleiner geworden, und manchmal läuft nebenher der Fernseher. „Aber da kommt eh fast nie was Interessantes. Ich bin wirklich dankbar, die Zeit, die mir gegeben ist, sinnvoll ausfüllen zu können“, erklärt die alte Dame mit Bestimmtheit. Deshalb wird gewebt – jedenfalls „wenn ich nicht gerade male“. Das ist nämlich ihre zweite große Leidenschaft.

1919 in Berlin geboren, besuchte Erika Bober von 1947 bis 1949 die Meisterschule für Handweberei in Hamburg. Das dritte Lehrjahr führte sie nach Husum – zur Maschinellen und Handweberei Sommer & Winkel am Trommelberg. „Am Anfang hatten wir dort nur einen Webstuhl“, blickt sie zurück. Später waren es 15, die in zwei Schichten bedient wurden. Nach Abschluss der Meisterprüfung übernahm die junge Frau dann die Leitung des Betriebes und war somit auch für die Entwürfe der Kollektionen verantwortlich.

Auf den Besuch der Zeitung bestens vorbereitet, lässt sie den Webrahmen sinken und geht hinüber zum Esstisch, auf dem ein großer Aktenordner mit Mustern liegt. „Alles selbst geschrieben und gezeichnet“, sagt Bober nicht ohne Stolz. Tatsächlich: Was auf den ersten Blick wie Maschinen-Werk anmutet, ist akribische Handarbeit. Die Muster wurden auf Millimeterpapier gezeichnet und auf kleinem Webstuhl umgesetzt. „Wenn sie dem Chef gefielen, gingen sie in die Produktion.“

Was die Handweberei einst von der heute unterscheide? Bober schaut verdutzt: „Na, die Hand natürlich“, sagt sie. „Heute können Sie jedes x-beliebige Muster maschinell herstellen“, fasst sie nüchtern, ohne jeden Hauch von Nostalgie zusammen. Dann huscht sie behände zu ihrem Webrahmen zurück, um den Unterschied zwischen gemalten und gewebten Bildern zu erklären. Ein gewebtes Motiv müsse zusammengesetzt werden, sagt sie. „Das ist beim Malen leichter.“ Damit habe sie übrigens erst mit 80 Jahren angefangen – nach dem Tod ihres Mannes.

Erika Bober zählt sich selbst zur „Generation mit der unbewältigten Vergangenheit“. Während des Krieges wurde die Familie in alle Himmelsrichtungen verstreut. „Mein ältester Bruder hat uns dann wieder zusammengeholt.“ Ihr Weg nach Norden führte über Österreich durch drei besetzte Zonen, war abenteuerlich und gefährlich. Die Zeit des Nationalsozialismus’ beschäftigt sie bis heute. „Ich war zwölf, als Hitler gewählt wurde, und 25 Jahre bei Kriegsende“, sagt Erika Bober und bekennt: „Wir sind da in eine Riesenfalle hineingelaufen. Meinen Enkeln sag’ ich immer: ,Lasst Euch nicht alles erzählen. Hinterfragt die Dinge.‘“ Sie selbst hatte oft keine Wahl, wollte eigentlich Sportlehrerin werden, „aber dann kam der Krieg. Da habe ich zu meinem Bruder gesagt: ,Ich mache alles, aber ins Büro gehe ich nicht.‘“ Und das hätte wohl auch nicht zu ihr gepasst. Vielleicht ist es ja die verhinderte Sportlehrerin in Erika Bober, die sie ständig in Bewegung hält – mit den Fingern und im Kopf. Auf jeden Fall nimmt sie ihr Leben auch mit 95 Jahren sportlich, denn von nichts kommt nichts. Und so möchte Erika Bober auch andere motivieren, vorhandene Fähigkeiten zu aktivieren oder neue zu entdecken. „Das macht Freude und trägt zur inneren Harmonie bei“, sagt sie.

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