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Ältester Skat-Schiedsrichter der Welt : 90 Jahre – und immer noch reizend

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Er ist der älteste offiziell lizenzierte Skat-Schiedsrichter der Welt – und topfit: Hellmut Petersen, der selbst leidenschaftlich gern spielt, feiert in Koldenbüttel seinen 90. Geburtstag.

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erstellt am 20.Aug.2015 | 07:30 Uhr

Mit 90 Augen kommt der Gegenpart nicht über die Punktzahl 30 hinaus – beim Skat heißt das dann gemeinhin „Schneider“. Mit 90 Jahren ist, was die Leidenschaft für dieses weit verbreitete und beliebte Kartenspiel angeht, Hellmut Petersen noch lange nicht aus dem Schneider. Das Koldenbütteler Urgestein lässt es sich nämlich nicht nehmen, auch in diesem biblischen Alter noch in schöner Regelmäßigkeit zu reizen und zu drücken. Mehr noch: Petersen, der am Donnerstag, 20. August, in seinem idyllisch auf der Herrenhallig gelegenen Häuschen seinen 90. Geburtstag feiert, ist auch bei weitem der älteste offiziell lizenzierte Skat-Schiedsrichter der Welt.

Diese Tatsache ist verbürgt – sein in Leipzig lebender Sohn Knut (56) hat sich den Rekord Anfang des Jahres vom Deutschen Skatverband telefonisch bestätigen lassen. Nicht nur darauf sind Petersens Nachkommen – neben Knut noch dessen ältere Geschwister Jutta, Bernd und Dirk sowie Maren, die Jüngste im Bunde – mit ihren Kindern und Kindeskindern sehr stolz. Besonders imponiert der großen Familie, in welcher hervorragenden geistigen Verfassung sich der Jubilar befindet, wie gut es ihm geht und wie aktiv er noch ist. Wenn er Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt im Fernsehen sehe, denke er an seinen Vater, so Knut Petersen: „Mit ähnlich wachem Verstand tritt er nach außen hin auf.“

Dieser Verstand ist in der Tat noch so gut beieinander, dass sich das Geburtstagskind beim Skat dreschen – „kein Glücksspiel, sondern eine Denksportaufgabe“; auf diese Feststellung legt er großen Wert – jeden einzelnen Punkt auf der Habenseite merkt. „Ein gewonnenes Spiel kann nicht mehr verloren werden“, zieht er in diesem Zusammenhang eine Erkenntnis heran, die nur im ersten Moment banal klingt – Mitrechnen schafft Gelassenheit. Eine Eigenschaft, die Petersen im Übrigen durch das erfüllte Leben zu tragen scheint. Seit dem Tod seiner Frau Erika, die 2010 nach 59 gemeinsamen Ehejahren verstarb, lebt der gebürtige Lütjenholmer alleine. Mit sich selbst und seinem Dasein zufrieden, züchtet er Amaryllis-Zwiebeln und nennt als Teilzeit-Imker 20 Bienenstöcke hinter dem 1950/51 selbst gebauten Haus sein Eigen. „Ich habe noch 120 Pfund Honig stehen, den ich schleudern, rühren und in Gläser füllen muss“, sagt Petersen, der vielen Bauern in Nordfriesland als „Helle Wittkool“ bekannt ist, weil er sein Arbeitsleben als Landwirt damit verbrachte, selbst angebauten Kohl und Äpfel aus dem Alten Land von Hof zu Hof zu verkaufen.

Sein größtes Hobby aber ist zweifellos der Denksport mit den 32 Karten. Zweimal in der Woche setzt er sich in seinen kleinen Mercedes – kurze Strecken legt er damit noch selbst zurück – und fährt zum Clubabend. Mittwochs sitzt er im 13 Kilometer entfernten Harblek (Oldenswort) bei Kreuz As Witzwort, wo er die Mitgliedsnummer 040491 hat, am Tisch und montags als Gastspieler in Rantrum. Daran kann ihn nicht einmal ein Schneetreiben, das ihn auch schon mal eine Stunde aufgehalten hat, hindern. Rund zwei Dutzend Trophäen stehen daheim im „Pokalzimmer“. Die eine oder andere davon hat seine Frau gewonnen.

Und dann sind da noch die etwa 15 Grand-Ouvert-Urkunden, die der 90-Jährige in der Schublade aufbewahrt. Es gebe im Skatspiel 2.753.294.408.504.640 (in Worten: 2 Billiarden 753 Billionen 294 Milliarden 408 Millionen 504 Tausend 640) verschiedene Karten-Verteilungen an die drei Spieler, steht dort jeweils drauf: „Wem das Glück dabei hold ist, der bekommt einen Grand Ouvert, eines der seltensten und wertvollsten Spiele, die es im Skat gibt.“ Im Kopf des vom Präsidenten des Deutschen Skatverbandes unterzeichneten Dokumentes ist das dazugehörige Blatt abgebildet, weiter unten finden sich das (historische) Datum und die Position – also Vor-, Mittel- oder Hinterhand – wieder. „In Rantrum gibt es dafür 25 und in Witzwort 15 Euro aus der Vereinskasse“, erklärt Petersen augenzwinkernd.

Ferdinand Dircks, Vorsitzender bei Kreuz As, erinnert sich an viele lustige Begebenheiten mit seinem Skatkumpel, mit dem er jedes Jahr zur Einzelmeisterschaft fährt. Zum Beispiel, wenn er wieder mal auf den letzten Drücker kommt, weil er auf dem Weg zum Clubabend am Bahndamm in Friedrichstadt vor der Schranke steht – „wie lange fährt er diese Strecke schon?“ Und, so der 72-Jährige: „Hellmut ist immer ruhig, ausgeglichen und nie laut geworden.“

In der Ruhe liegt die Kraft. Erst recht, wenn Petersen als Schiedsrichter gefragt ist – was allerdings nicht allzu oft vorkomme. „Wenn sich die Leute gegenseitig beschimpfen, ist das nicht mein Ressort, sondern Sache der Turnierleitung.“ Er werde ausschließlich zu regeltechnischen Fragen herangezogen. Seit 19 Jahren. 2016 will er seinen Schiedsrichter-Ausweis mit der Nummer 1494 zurückgeben: „Dann ist auch genug.“ Alle fünf Jahre muss er die Prüfung neu ablegen, dazu 36 von 40 Aufgaben jeweils die richtige aus drei möglichen Antworten zuordnen. Frage 417 lautet zum Beispiel: „Nachdem Mittelhand sofort gepasst hat, reizt Hinterhand Vorhand bis 23. Beide Spieler sind jetzt der Meinung, dass der jeweils andere gepasst hat. Beide greifen gleichzeitig zum Skat und jeder sieht sich eine Karte des Skats an.“ Petersen vertieft sich kurz in alle drei Lösungsvorschläge und fällt seine Entscheidung: „Da beide Spieler vor Beendigung des Reizens einen Teil des Skats eingesehen haben, sind beide vom Reizen auszuschließen. Da Mittelhand kein Reizgebot abgegeben hat, muss das Spiel als eingepasst in die Spielliste eingetragen werden.“ Für Laien übersetzt: ein gültiges Spiel, bei dem keine Punkte vergeben werden.

Apropos: Kann der Skatspieler Hellmut Petersen bei der Jagd nach Punkten eigentlich gut verlieren? Na klar, sagt er: „Wer gewinnen will, muss auch verlieren können!“ Weise Worte eines 90-Jährigen...

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