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Experten-Treffen in Husum : 60 Stellschrauben für die Urlaubsregion

vom
Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Als Dachorganisation stellt sich die Nordsee-Tourismus-Service-Gesellschaft auf deutlich mehr Aufgaben als nur Marketing ein. Dazu liegt jetzt ein Projekt-Buch vor.

„Von einer reinen Marketing- zu einer Management-Organisation“:
In diese Richtung wird sich die Nordsee-Tourismus-Service-Gesellschaft (NTS) nach Einschätzung ihres Geschäftsführers Frank Ketter entwickeln. Das ist das Fazit, das er aus einer „Zukunftskonferenz“ im Husumer Nordsee-Congress-Centrum zog. Rund 100 Touristiker und Vertreter von Kommunen haben dabei mit Unterstützung von Wissenschaftlern ausgelotet, wie sich die Westküste am besten auf den vielfachen Wandel einstellt, der dem Geschäft mit den Urlaubern ins Haus steht.

Auf nicht weniger als 60 Themen, die es „anzufassen gilt“, kommt Frank Simoneit vom Institut für Management und Tourismus an der Fachhochschule Westküste in Heide. Gemeinsam mit dem in Kiel sitzenden Institut für Tourismus und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) und der NTS hat er sie in einem Projekt-Buch zusammengefasst.

Moritz Luft, Geschäftsführer von Sylt Marketing, nennt die darin gesammelten Vorschläge „Blaupausen“. Gemeint sind damit Lösungsmodelle, die mehreren Orte oder Betrieben helfen. Constanze Höfinghoff, stellvertretende Leiterin der Tourismuszentrale St. Peter-Ording, verdeutlichte es an einem Beispiel: Da geht es unter dem Stichwort „Green Events“ darum, wie sich Großveranstaltungen in der Natur so organisieren lassen, dass sowohl Touristiker als auch die Nationalparkverwaltung damit leben können. Gedacht ist an eine Checkliste, die auf ein Drachenfestival in St. Peter-Ording ebenso anwendbar ist wie auf ein Konzert am Deich vor Büsum oder eine Open-Air-Veranstaltung auf Sylt oder Amrum. So dass nicht mehr wie jetzt jeder Ort für sich in Verhandlungen neu ansetzen muss und die Umsetzung schneller geht.

Nach ähnlichem Muster gibt es Vorschläge zum Umgang etwa mit Zukunftstrends bei Gästestrukturen und Märkten, Marketing und Vertrieb, Ressourcen- und Klimaschutz sowie dem demografischen Wandel. Als ein Schicksals-Thema längst nicht nur für Sylt bezeichnete Simoneit örtliche Wohnraumanalysen. Sie seien zwingend erforderlich, um bezahlbaren Dauerwohnraum zu sichern – ansonsten werde schlichtweg das Personal für Dienstleistungen am Gast fehlen. Es ist angesichts von Azubi-Mangel auf Grund drastisch kleinerer Jahrgänge ohnehin schon schwer genug zu bekommen. NIT-Wissenschaftler Kai Ziesemer schlug als einen Schritt gegen den Fachkräftemangel vor, etwa in Nordrhein-Westfalen nicht nur klassische Urlaubs-Werbung zu machen – sondern zugleich Marketing für Arbeitskräfte. Die hohe Erwerbslosenquote im Ruhrgebiet fordere geradezu dazu heraus.

Breiten Raum nahm der Nachholbedarf bei digitaler Fitness ein. Fehlendes Wlan wird von Gästen laut Ziesemer als mit Abstand größter Mangel der Westküste überhaupt benannt. Ebenso müsse die Kompetenz der Vermieter für den Umgang mit sozialen Netzwerken drastisch besser werden, wolle man im Wettstreit um Neukunden mithalten.

Ebenso – wieder einmal – weit oben auf der von den Fachleuten zusammengestellten To-do-Liste dabei: der Aufruf, von einem sturen Vermietungs-Rhythmus von Sonnabend bis Sonnabend wegzukommen. Ziesemer: „Die wachsende Neigung zu Kurzreisen erfordert, dass auch die Anbieter darauf mit kurzen Fristen reagieren.“ Für das Marketing riet der österreichische Berater Franz Schmidt, „Sehnsuchtsgeschichten“ zu erzählen. Es müsse vermieden werden, „dass ein Raum als Konsumgut herüberkommt“.

Die NTS nun sieht Simoneit als „Spinne im Netz, um viele dieser Initiativen in Gang zu bringen“. Ebenso sicher erscheint ihm angesichts der Komplexität der Aufgaben: „Ganz allein wird sie wenig bewirken können.“ Deshalb sind in dem Projekt-Buch je nach Thema klar weitere Verantwortliche für eine Umsetzung benannt. Für Höfinghoff geht es darum, „die Leute bei den Hörnern zu packen und sie aus der Verantwortung auch nicht mehr loszulassen“.

Dass all die neuen Aufgaben zur traditionellen Marketing- und Vertriebsarbeit der NTS hinzukommen sollen, erscheint den Experten dadurch handhabbar, dass sie die Bedeutung von Marketing & Co. relativieren. „Das ist zwar keinesfalls verzichtbar“, betonte NIT-Forscher Dirk Schmücker. Aber: „Der Kommunikationseinfluss ist geringer als oft gedacht.“ Nur jeder fünfte Urlauber nutze Informationen der offiziellen Tourismusorganisationen. Und zentralen Zimmervermittlungen prophezeiten sowohl Schmücker als auch andere eine sinkende Nachfrage. Schließlich werde es für die Betriebe immer leichter, sich selbst in die gängigen Buchungssysteme im Internet einzubringen. Aufgabe der NTS und lokaler Tourismusorganisationen werde es eher sein, Vermieter für den Umgang mit solchen Online-Portalen fit zu machen – anstatt selbst welche zu betreiben.

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erstellt am 27.Feb.2016 | 07:00 Uhr

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