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Husums Großbaustelle : 300 Jahre alte Funde in der Innenstadt

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Auf der Baustelle des Shopping-Centers wurden Brunnen vermutlich aus dem 16. und 17. Jahrhundert gefunden. Die Bauarbeiten werden nicht verzögert..

shz.de von
erstellt am 02.Jun.2017 | 15:00 Uhr

300 Jahre altes Glas und Keramikteller haben sie bereits gefunden. Auch ein Silberanhänger und Textilreste waren dabei. Mit Hilfe von Bagger und Spaten legen derzeit Grabungsarbeiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein mehrere alte Brunnen auf dem Gelände des ehemaligen Hertie-Kaufhauses in Husum frei. Diese wurden während der aktuellen Bauarbeiten entdeckt. Die Funde stammen nach ersten Schätzungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. „Wir haben in diesem Brunnenring Keramikteller gefunden. Die Bemalung der Teller zeigt das Jahr 1676“, berichtet die Gebietsdezernentin Dr. Stefanie Klooß. „Wir vermuten, dass die anderen Brunnen noch älter sind.“

Klooß und ihr Team haben drei Wochen Zeit, um Funde zu dokumentieren, zu messen, zu fotografieren und zu zeichnen. „Auf den Baufortschritt haben die Ausgrabungen keinen nennenswerten Einfluss“, verkündet Prelios-Pressesprecher Benjamin Barkow. „Die Bauarbeiten gehen wie geplant weiter. Wir gehen davon aus, dass es zu keinen Verzögerungen kommt.“

Normalerweise laufen Bauanträge, bei denen archäologische Interessen betroffen sind, über das Landesamt. „Anhand unserer kartierten Aufnahme der Fundstellen prüfen wir, in welchen Gebieten mit archäologischer Substanz zu rechnen ist“, erklärt Klooß. In einem solchen Fall führt das Amt bereits vor Beginn der Bauarbeiten Untersuchungen durch. „Bei bereits bebauten Gebieten – wie in diesem Fall – ist dies jedoch schwierig. Deshalb wurden wir erst nach der Entdeckung hinzugezogen“, erläutert Klooß das Vorgehen.

Bereits auf der Mejerschen Karte von 1651 – die Abbildung ist auch bei Wikipedia zu finden – ist auf dem Areal eine Häuserzeile verzeichnet, so Klooß. Genau dort sind heute deren Reste deutlich zu erkennen. Auf dem sandigen Boden markieren dunkle Kreise Brunnen oder Zisternen. „Wir wissen noch nicht, um was es sich genau handelt“, ist der Grabungstechniker Jan Fischer vorsichtig mit einer Aussage. Die Befunde – bisher fünf bis sechs an der Zahl – reichen mindestens bis in fünf Meter Tiefe.

Bisher wurden drei Brunnen freigelegt und ein Profilschnitt durch die gesamte Tiefe angelegt. Dort zeigen sich besonders deutlich die Verfärbungen des Bodens. „Der anstehende Boden hebt sich deutlich von der Verfüllung ab“, so Klooß. Damit werde der eiszeitliche Untergrund bezeichnet, der noch nicht von Menschenhand ausgehoben wurde. Die Verfüllung hingegen wurden von Menschen ausgegraben und wieder befüllt. „Manchmal mit Erde, aber auch mit Abfällen“, so Klooß.

Die Brunnen seien vermutlich zunächst als Trinkwasserquellen benutzt worden, später als Abfallgruben. „Wir haben besondere Fayencen und Glasreste gefunden. Das weist daraufhin, dass hier vermutlich reiche Leute gewohnt haben“, erläutert Klooß. Die Verfüllung aus dem vermutlich jüngsten Brunnen wurde gesiebt, um weitere Funde zu entdecken.

Dabei wurden unter anderem sogenannte Fadengläser gefunden. Eines zeigt einen mit Blattgold verzierten plastischen Löwenkopf. „Wir kennen ähnliche farbige Trinkgläser aus Lüneburg“, erzählt Jan Fischer begeistert.

Auch auf der Baustelle in Husum überdecken sich Befunde aus verschiedenen Jahrhunderten. „Was unten liegt, ist logischerweise am ältesten. Die oberen Schichten oder Überschneidungen stammen aus jüngerer Zeit“, erklärt Klooß. Zudem sind die verschiedenen Baukonstruktionen zu erkennen. „Der jüngere Brunnen aus dem 17. Jahrhundert enthält einen runden Einbau aus Ziegelsteinen. Hier sehen wir hingegen Torfsoden als Baumaterial. Dieser Brunnen ist sogar mit einem viereckigen Holzkasten stabilisiert“, erklärt die Dezernentin. Eigentlich hält sich Holz nicht über eine so lange Zeit.

„Hier hat mal ein Haus oder Stall gestanden“, mutmaßt Jan Fischer, als die Arbeiter auf Reste stoßen, die Pfählen ähneln. „Die einzelnen Funde sind für uns weniger bedeutend, wenn wir nicht wissen, wo sie gefunden wurden“, sagt die Gebietsdezernentin. Dank der Funde können die Wissenschaftler die Baustruktur entschlüsseln. „Mit ihrer Hilfe können wir bestimmen, wie alt die ist und wer sie genutzt hat“, erklärt Klooß. Spannend sei beispielsweise die Frage, welche Brunnen vor oder nach der zweiten großen Mandränke 1634 gebaut wurden.

Mit Hilfe eines Metallsuchgerätes forschen die Grabungsarbeiter nach weiteren Funden. Auf der großen Baustelle in Husum wurden bisher neben Keramiktellern und Gläsern auch eine Münze, Textilreste wie vermutlich Seide, Lederschuhe sowie eine Zinnfigur gefunden. „Es könnte eventuell eine Pilgerfigur sein mit langem Bart und Mantel. Diese könnte dann Auskunft geben, wo der Besitzer einst hingepilgert ist“, überlegt Klooß. Auch Austernschalen, deren Inhalt im 17. Jahrhundert verzehrt wurden, sowie Tierknochen und sogar Walnuss-Reste, Kirsch- und Pflaumenkerne gehören zu den Entdeckungen vor Ort. Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn in den archäobotanischen Proben noch Gewürzreste auftauchen würden, die auf Handelsverbindungen hinweisen.

Das archäologische Landesamt plant, mit Archäologen von der Universität Kiel die Funde auszuwerten und weiter zu erforschen. „Bei unserer kurzfristigen Rettungsgrabung konzentrieren wir uns auf die wesentlichen Dinge. Wir haben drei Wochen Zeit, bevor die Bauarbeiten an den betroffenen Stellen weitergehen“, erklärt Klooß.

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