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Nordstrand und sein Sturmflutkelch : 240 Arbeitsstunden für ein Kleinod

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Aus der Redaktion der Husumer Nachrichten

Viel Mühen haben Gerd Beliaeff und Alexej Hajtukov in den präzisen Nachbau gesteckt: Die Replik des Sturmflutkelches wird im Nordsee-Museum gezeigt, bevor sie nach Nordstrand zurückkehrt. Ein Film dokumentiert die Entstehung.

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erstellt am 05.Mai.2014 | 11:00 Uhr

Ein Windzug vom offenen Fenster nebenan lässt die Kerzen auf dem Tisch bedrohlich flackern. Es braucht wenig Fantasie, um sich aus dem dämmrigen Licht des museumseigenen Halligzimmers in die Zeit der zweiten großen Mandränke zurückzudenken. Ein Chronist taucht eine Feder in das gläserne Tintenfass und kratzt Buchstaben auf Pergamentpapier – die Namen derer, die während der zweiten großen Sturmflug nach 1362 ihr Leben verloren. Die Szene im Nordsee-Museum ist nachgestellt. Der Chronist im historischen Gewand heißt Günter Pfeiffer und war bis zu seiner Pensionierung Kunsterzieher. Im Hintergrund surrt eine Kamera: „Gut so“, sagt Regisseur Martin Tiefensee nach einigen Minuten Dreharbeit. „Jetzt noch mal ein paar Aufnahmen von der anderen Seite, und wir haben die Szene im Kasten.“

Eigentlich hatte sein Film über den Nordstrander Sturmflutkelch nur wenige Minuten lang werden sollen. „Aber nun werden es wohl doch eher 20“, sagt er lächelnd. So ist das immer, wenn Tiefensee erst einmal für eine Sache entfacht ist. Und dieser Kelch ist eine solche Sache: Seit 1825 steht er im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen – sehr zum Leidwesen der Nordstrander, die ihn jetzt im Zuge eines grenzübergreifenden Kulturprojekts wenigstens als Replik auf die Halbinsel zurückholen wollen.

Die Idee dazu hatte der Journalist und Verleger Manfred-Guido Schmitz. Und er war es auch, der namhafte Sponsoren, allen voran die gebürtige Nordfriesin Friede Springer, überzeugen konnte, dass dies eine gute Idee ist. Dank ihrer und anderer Hilfe konnte dann ein Gürtler aus Husum beauftragt werden, den Sturmflutkelch nachzubilden (wir berichteten). Mehr als 240 Arbeitsstunden haben Gerd Beliaeff und sein Kollege Alexej Hajtukov darauf verwendet. Und da sie den Kelch nicht ausleihen durften, mussten Beliaeff und Tiefensee dafür zunächst einmal nach Kopenhagen fahren und Fotos machen. Aus denen entstanden später am Computer 3D-Zeichnungen des Originals. Danach machten sich die beiden Kunsthandwerker dann ans Werk. Die Replik wurde aus Messing gefertigt und anschließend vergoldet. Echte Kärrner-Arbeit, zumal auf den Gebrauch von Maschinen weitgehend verzichtet wurde , „um die Replik so authentisch wie möglich erscheinen zu lassen“, wie Beliaeff erläutert.

Erstmals erwähnt wurde der Sturmflutkelch 1836 vom früheren Nordstrander Pastor Johann Christoph Biernatzki in dessen Buch „Die Hallig“. Während eines Urlaubsaufenthalts in Nordfriesland stieß Schmitz dann auf ein Werk des Nordstrander Heimatforschers Fritz Karff und darin abermals auf den Sturmflutkelch. Karff schrieb, dass dieser die zweite große Mandränke überstanden habe, und Schmitz Recherchen ergaben, dass er danach irgendwie den Weg nach Kopenhagen fand. Wie genau, ist allerdings bis heute offen. „Da arbeite ich noch dran“, sagt Schmitz.

Wenn Film und Kelch-Replik endgültig fertig gestellt sind, sollen beide im Nordsee-Museum präsentiert werden. Wann genau, steht zwar noch nicht fest, aber da nur noch die Nachvertonung durch den Wahl-Nordstrander Schauspieler und Synchronsprecher Hans-Peter Bögel fehlt, dürfte es nicht mehr allzu lange dauern. Dann hoffen Schmitz und der Museumsverbund Nordfriesland auch auf zwei Aquarelle des Malers Carl Ludwig Jessen. Die tragen den Titel „Nach der Sturmflut“ und stammen von 1880. „Auf dem einen, das dem Flensburger Museumsberg gehört, ist sogar der Kelch zu sehen“, sagt Schmitz. Das andere befindet sich im Besitz des Nordsee-Museums.

Rund vier Wochen soll die Replik im Nissenhaus bleiben. Danach kehrt der Sturmflutkelch dann wenigstens als Kopie nach Nordstrand zurück.

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