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St. Peter-Ording Ordinger Strand: Die Nordsee kommt immer näher

Von ieb | 19.08.2017, 08:00 Uhr

Jährlich verschwindet ein großes Stück vom Ordinger Strand. Geht es so weiter, ist dort in ein paar Jahrzehnten Schluss mit dem lustigen Badeleben.

Nervenkitzel, den kann man am Ordinger Strand haben. Wer bei stürmischen Westwind oder Springtide dort die Strandbar besucht, der muss unter Umständen länger bleiben als geplant. Denn der Pfahlbau steht ein gutes Stück im Meer, nur über einen Steg ist er zu erreichen. Und der wird schon mal überschwemmt. Dann sitzt man fest bei Pharisäer und Krabbenbrot und mit Blick auf tosende Wellen, denn zwischen Pfahlbau und Englands Küste gibt es nur noch die Nordsee. Doch auch an normalen Tagen wird man mit dem romantischen Gefühl belohnt, hoch über dem Meer Tafelfreuden zu genießen. Und das ganz ohne Schiffsbewegung und teurem Kreuzfahrt-Ticket.

Für die Romantik zuständig ist in diesem Fall die Nordsee, die sich jedes Jahr sieben bis acht Meter Strand vor Ording einverleibt, wie Armin Jess, bei der Nationalparkverwaltung für St. Peter-Ording zuständig, erläutert. Tonnen von Sand verschwinden. Bereits zum zweiten Mal musste im Frühjahr ein Steg zur Strandbar gebaut werden, damit die Besucher trockenen Fußes dort hingelangen. Er ist mit 50 Metern deutlich länger als der alte, und auch an ihm leckt der Blanke Hans bei bestimmten Wetterlagen schon begehrlich. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, gibt es rein rechnerisch in 60 oder 70 Jahren keinen Ordinger Strand mehr. Dann könnte das Meer an den Deich klopfen. Die Badegäste freut es derzeit, für sie wird der Weg zum Wasser immer kürzer. Kaum zu glauben, dass in den 1980er Jahren die Strandkörbe seewärts noch vor dem Pfahlbau gestanden haben.

Woanders wächst der Strand

„Das liegt an der Westwindlage“, erklärt Jess das Phänomen. So wird an dieser Stelle der Sand mit der Flutwelle nach Norden ins Meer verdriftet. Auch der Meeresspiegelanstieg trägt dazu bei. Doch das Phänomen ist schon Jahrhunderte alt. Die Ordinger Kirche musste mehrfach landeinwärts versetzt werden, weil sich das Meer den Strand holte. An anderer Stelle wächst er wiederum wegen der Strömungsverhältnisse. „So verlagert sich die Sandbank vor der Arche Noah immer mehr Richtung Böhl, früher reichte sie nur bis Höhe Dorf. Auch ganz im Norden von St. Peter-Ording wird der Strand größer, so Jess. Auch werde immer mehr Sand gegen das Festland getrieben. „Vor 20 Jahren hatten wir noch keine Dünen, jetzt reicht die Kette vom Südstrand bis zum Norderdeich.“ Möglicherweise könnte sich sogar irgendwann die große Priellücke zwischen Böhl und Südstrand schließen. Aber wer weiß heute, welche Dynamik Wind und Wellen künftig zeigen.

Das war auch in der Vergangenheit schon so: Denn was vielen Urlaubern und Spaziergängern heute lieb und teuer ist, ist noch nicht so alt. „Vor 50 Jahren gab es den Ordinger Strand in dieser Form nicht“, erinnert sich Georg Werner Jensen. Der 70-Jährige kennt die große Sandkiste wie seine Westentasche. Er ist hier geboren und aufgewachsen. „Als Jugendliche sind mein Bruder und ich Mitte der 1960er Jahre noch mit dem Motorboot vom Priel am Südstrand zum Yachtclub in Ording gefahren. Einfach unter der Seebrücke durch. Da war vor Ording noch ein breiter Priel, der reichte bis an die heutige Überfahrt zum Strandparken. Wer dort ans offene Meer wollte, musste sich auf die Sandbank übersetzen lassen.“ Der Hauptstrand war damals Böhl, im Süden des Nordseebads. Heute versandet Böhl immer mehr, für Nicht-Schwimmer oder Anfänger ist es dort heute ideal: Das Wasser ist auf weite Strecken sehr flach. „Vermutlich hängt das mit der Eiderabdämmung zusammen. Seitdem hat sich dort immer mehr Sand abgelagert“, so Jensen. „Der Strand verändert sich halt. Das war schon immer so.“ Ärgerlich findet er, dass in St. Peter-Ording nichts für den Strand getan werden darf, da er im Nationalpark liege. Das sei auf Sylt anders, da werden jedes Jahr zig Tonnen von Sand vorgespült.

Baumaßnahmen in Planung

Die Veränderungen am Ordinger Strand beschäftigen auch die Tourismus-Zentrale (TZ). „Wir planen in den nächsten fünf Jahren die Rückversetzung der Bauten sowie ein paar Neubauten“, so Nils Koch, technischer Leiter der TZ. Die Badeaufsicht sowie der Toilettenbau sind so alt, dass sie sowieso ausgetauscht werden sollen. Am neuen Standort soll ab Frühjahr ein neues Mehrzweckgebäude entstehen, das beide Einrichtungen kombiniert. Der WC-Pfahlbau in Ording Nord hat ebenfalls sein Alter erreicht und soll erneuert werden. Auch die beiden Pfahlbaurestaurants müssten verlegt werden. „Der Betreiber der Silbermöwe, die im privaten Besitz ist, hat vor 20 Jahren den aktuellen Standort gewählt und ist jetzt wieder im Zugzwang“, sagt Koch. Manche Fragen bleiben noch offen. Gerade über den neuen Standort der Strandbar, das Gebäude gehört der Gemeinde, wird noch diskutiert. „Der Pfahlbau ist gerade wegen seiner Lage – halb in der Nordsee – so attraktiv. Wenn er wie die anderen komplett vorgezogen wird, verliert er vielleicht seinen Charme.“ Andererseits sind die Holzpfähle gerade im Winter bei Eis und Sturmfluten starken Kräften ausgesetzt. „Wie sich der Strand letztendlich wirklich weiterentwickelt, weiß niemand“, so der Bauingenieur. Er ist sich aber sicher: „Es wird immer Veränderungen geben.“