Kinobühne zeigt „Wendepunkte“ : Zwei Extreme aus der Zuckerfabrik

Applaus für den Dokumentarfilmer Christoph Corves (links), der am Dienstag in der Stadthalle seinen Film „Wendepunkte“ präsentierte. Die Veranstalter Arne Sommer, Leiter der Filmwerkstatt Kiel und Johanna Göb vom Kulturbüro leiteten den Abend gemeinsam ein.
Applaus für den Dokumentarfilmer Christoph Corves (links), der am Dienstag in der Stadthalle seinen Film „Wendepunkte“ präsentierte. Die Veranstalter Arne Sommer, Leiter der Filmwerkstatt Kiel und Johanna Göb vom Kulturbüro leiteten den Abend gemeinsam ein.

80 Besucher sahen bei der ausverkauften Kinobühne die Vorpremiere des Films „Wendepunkte“.

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27. März 2014, 08:45 Uhr

Neumünster | „Ich mache keine Spielfilme, weil ich die Realität spannender finde.“ Das sagte der Kieler Dokumentarfilmemacher Prof. Dr. Christoph Corves am Dienstagabend und lieferte mit der Präsentation seines Films „Wendepunkte“ in der Stadthalle den besten Beweis. 80 Besucher kamen zur Kinobühne, um die 88-minütige Vorpremiere zu sehen, denn die eigentliche Premiere hat der Film erst am Freitag in Kiel während des Filmfests Schleswig-Holstein. „Wendepunkte“ ist ein Mammutprojekt: Mehr als neun Jahre begleitete der promovierte Geograph zusammen mit dem Tontechniker Markus Brüggemann zwei Männer aus der von der Schließung bedrohten Nordzucker-Fabrik mit der Kamera.

„Wir wollten sehen, was passiert, wenn das Schicksal Menschen in die Knie zwingt,“ beschreibt der Filmemacher die Grundidee. In zehn Kapiteln wird der berufliche und private Lebensweg der Männer ästhetisch ansprechend gezeigt. Auf den ersten Blick könnten Hans Werner und Ulrich Nöhle unterschiedlicher nicht sein : Werner ist Arbeiter in der Zuckerfabrik und verliert seinen Job in Schleswig, weil Nöhle, der Vorstandsvorsitzende, das Werk schließt. Werner arbeitet, um sich in der Zukunft seinen Traum zu erfüllen, Nöhles Lebenstraum ist jeweils das, was er gerade macht. Werner spricht über Gefühle und Skrupel, Nöhle über Zahlen. Je näher man den beiden kommt, desto eher erscheinen sie als gegensätzliche Extreme. Und doch zeigen sich nach und nach immer mehr Parallelen: Beide Männer, die sich bis heute übrigens nicht kennen gelernt haben, sind innerlich angetrieben vom Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Hans Werner realisiert als Rentner unter Entbehrungen seinen Traum vom eigenen schick-weißen Motorboot. Der mittlerweile aus dem Vorstand hinaus komplementierte Nöhle kauft sich einen bejahrten Hafenschlepper, der zufällig den Namen Hans trägt.

„Eigentlich war das Projekt nur auf drei Jahre angelegt. Dass es dann fast zehn wurden, lag daran, dass wir wissen wollten, wie es weitergeht. Ich habe immer daran geglaubt, dass Werner sein Boot bekommt“ erzählt Corves. Wer einen Menschen so lange, wenn auch mit Unterbrechungen, begleitet, entdeckt auch dessen Schrullen: „Schwierigkeiten bereitete uns, dass Hans Werner weder Telefon noch Internet besaß. Ich habe immer wieder über Arbeitskollegen und Freunde Kontakt zu ihm aufnehmen müssen“ erinnerte sich Corves.

Mehr als zwei Jahre brauchte das Team, um die 130 Stunden Filmmaterial zu schneiden. Entstanden ist eine unprätentiöse, facettenreiche Geschichte, bei der den Zuschauer bisweilen die Illusion befällt, es handle sich um eine Fiktion samt Schauspielern. Dabei ist alles authentisch und trotzdem – oder deswegen – sehr faszinierend und sehenswert. Zur Premiere am Freitag in Kiel kommt Ulrich Nöhle übrigens auch – Hans Werner hat abgesagt, er muss an seinem Boot arbeiten.

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