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Foto im Nachlass entdeckt : Zwangsarbeiterinnen im Bombenhagel

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Neumünsteraner Hans-Friedrich Rowedder fand ein altes Foto. Es zeigt 52 junge Frauen, die in der Tuchfabrik seiner Familie arbeiten mussten.

Neumünster | Manches Kindheitserlebnis gerät über die Jahrzehnte in Vergessenheit. Doch wenn ein altes Foto auftaucht, sind die Ereignisse von damals plötzlich wieder präsent. Das erlebte auch Hans-Friedrich Rowedder (81) bei einer Durchsicht des Nachlasses seiner Mutter Tatjana, als ihm jetzt eine Aufnahme wieder in die Hände fiel.

Das Gruppenbild zeigt 52 junge Frauen aus der Ukraine, die in den Jahren 1941 bis 1944 in der Tuchfabrik seiner Familie als Zwangsarbeiterinnen einquartiert waren. Auf dem Bild zu sehen sind auch Rowedder selbst sowie sein Vater Heinrich und seine Schwester Ursula. „Damals war ich fünf Jahre alt. 1940 wurde unsere Fabrik an der Parkstraße von den Nazis stillgelegt. Doch danach wurden auf dem Gelände von diesen Frauen, die alle um die 20 Jahre alt waren, Tarnmatten für die deutsche Wehrmacht hergestellt. Die mussten sie flechten und färben. Das war schwere Arbeit“, erzählt er.

Untergebracht waren die Zwangsarbeiterinnen im Untergeschoss des vierstöckigen Fabrikgebäudes, auf dessen Platz heute das Parkcenter steht. „Meine Mutter, die in der Nähe von Moskau geboren wurde und fließend Russisch sprach, hat sich der Frauen damals angenommen, so gut es ging. Aber ihre Möglichkeiten waren natürlich begrenzt. Dennoch, sie war ein wunderbarer Mensch und hat viel Dankbarkeit von den Frauen erfahren“, berichtet er.

Doch vor dem großen Bombenangriff der Amerikaner, der am 25. Oktober 1944 auf Neumünster niederging, konnte sie die Mädchen nicht beschützen. In das Fabrikgebäude schlug eine Sprengbombe ein. Sie durchschlug zwei Etagen, ohne zu explodieren. Dann wurde sie in dem Gebäude abgeleitet, flog durch ein großes Fenster und explodierte außerhalb des Gebäudes, vor den Räumen, in denen sich die Frauen während des Bombardements aufhielten.

„Ich war an diesem Tag gerade auf dem Schulweg und konnte mich gerade noch zu meinen Eltern und Geschwistern in den Luftschutzkeller retten. Doch die jungen Frauen mussten im Fabrikgebäude bleiben. Sie sollen fürchterlich geschrien haben. Aber sie haben alle überlebt“, so Hans-Friedrich Rowedder weiter. Die Fabrik war jedoch komplett zerstört, und somit konnten die Frauen nicht mehr dort arbeiten. Sie wurden weggebracht.

„Nach dem Krieg erzählte mir meine Mutter, dass die Frauen ihr Heimatland nicht mehr erreicht hatten. Angeblich sollen sie bei der Rückführung auf einem Schiff in der Ostsee von einem U-Boot versenkt worden sein“, erzählt Hans-Friedrich Rowedder. Doch ab 1946 sorgte das liegen gelassene Siebdrahtgewebe für die Tarnmatten dafür, dass die Firma Rowedder wieder aufgebaut werden werden konnte. „Denn aus diesen Resten hat mein Vater Topfschrubber hergestellt, die im Land reißenden Absatz fanden“, berichtet der älteste Sohn der Familie.

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