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Schillsdorf : Zu laut: Waldkinder sollen umziehen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Petra Rothenburg-Bahr und Harry von Bülow verstehen die Welt nicht mehr: Waldkindergarten soll auf die Bokhorster Kirchenwiese verlegt werden.

Schillsdorf | Die lauten Kinder verscheuchen scheue Tiere, durch die Nutzung werde der Boden verdichtet: Das sind nur zwei Argumente der Unteren Naturschutzbehörde in Plön. Sie meint, der Kindergarten muss verlegt werden. Für den Bokhorster Waldkindergarten soll nämlich ein Aufenthaltswagen aufgestellt werden. Der Antrag dafür brachte den Stein ins Rollen. Möglicherweise ist nach drei Jahren nun plötzlich der Bestand des Waldkindergartens an dieser Stelle gefährdet.

Seit August 2012 tummeln sich die bis zu 17 Kinder aus der Bokhorster Waldkindergartengruppe unter dem Dach der alten Buchen im Wald von Landwirt und Waldbesitzer Harry von Bülow. Träger des Kindergartens ist die Heilig-Geist Kirchengemeinde. „Ich freue mich immer wieder, wie viel die Kinder über den Wald und die Umwelt wissen. Ich bin allerdings entsetzt, dass und aus welchen Gründen dieser Waldkindergarten jetzt an dieser Stelle verboten werden soll“, meinte der Waldbesitzer gestern beim Besuch der Gruppe.

Hintergrund des angedrohten Verbots ist eine Stellungnahme der Unteren Naturschutzbehörde in Plön. Ohne einen Schutzraum darf auch ein Waldkindergarten nicht betrieben werden. Üblicherweise wurde dies bislang durch kleine Schutzhütten oder häufig durch einen Bauwagen als Schutzhütte gelöst. In Bokhorst erhielt die Waldgruppe einen Bauwagen. Dafür muss inzwischen eine Baugenehmigung eingeholt werden und zu einer solchen gehören Anhörungen öffentlicher Träger. Einer davon ist die Untere Naturschutzbehörde in Plön. Die allerdings stellt in einer Stellungnahme nicht nur die Aufstellung des Bauwagens, sondern gleich die gesamte Gruppe in dem Waldstück als fehl am Platz infrage. „Gegen das Aufstellen eines Aufenthaltswagens und die Nutzung der Fläche des Waldes als Kindergarten bestehen erhebliche Bedenken. Das Einvernehmen wird nicht erteilt“, heißt es. Durch die Kindergartennutzung wurde die Gestalt und Nutzung einer Grundfläche, in diesem Fall einer Waldfläche, derart verändert, dass die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes erheblich beeinträchtigt wurde, heißt es im Fazit. Angeführt wird insbesondere der Lärm der Kinder, der empfindliche Wildtiere und Vögel im weiten Umfeld verscheuche. Außerdem werde durch die intensive Nutzung durch die Kinder der Boden im Umfeld des Standortes verdichtet. Sitzgruppen, Holzlager und Feuerstelle seinen außerdem „fest möbliert“.

Die Kinder sind zu laut, aber in Waldnähe gibt es täglich Arbeitsgeräusche des alteingesessenen Bokhorster Landhandels. Das Knallen von Ladeklappen dringt ebenso tief in den Wald wie das Lachen der Kinder. Auf der angrenzenden Wiese schlagen die Pfadfinder ihre Zelte auf und singen ihre Lieder.

Gruppenleiterin Petra Rothenburg-Bahr hat inzwischen sogar eine Zusatzausbildung zur Waldpädagogin und zur Natur-Spielpädagogin aufgenommen, um dem Thema Wald in mehreren Richtungen gerecht zu werden. „Ökologische Zusammenhänge, Flora und Fauna unserer Wälder, Forstarbeit und der Umgang mit einer lebendigen Umwelt stellt besondere Herausforderungen dar“, sagt Rothenburg-Bahr. Das Spielzeug für einen Waldkindergarten findet sich sozusagen mitten im Klassenzimmer oder wächst als Unterrichtsmaterial gleich nebenan, sagt die engagierte Betreuerin. Einen Umzug auf die etwa 200 Meter entfernte Kirchenwiese würde dem besonderen Rahmen, wie ihn der Wald als Lehr- und Erlebnisraum bietet, nicht mehr gerecht, sagen die Betereuerinnen.

Verwundert reagierten auch Bokhorsts neue Pastorin Ulrike Witte und Herbert Beyring aus dem Kirchenvorstand. „Es wäre zumindest nett gewesen, wenn die zuständige Sachbearbeiterin das Gespräch mit uns gesucht hätte“, sagen sie.

Harry von Bülow will den Argumenten aus der Stellungnahme nicht folgen. „Bauvorhaben“ der Kinder heiße es da unter anderem. „Was wohl Kinder für ,Bauvorhaben‘ haben können, und wie viel Schaden 34 Kinderfüße wohl in seinem Wald anrichten können?“, fragt sich der Waldbesitzer. Eine erhebliche Beeinträchtigung des Naturhaushaltes sieht er durch die Waldgruppe nicht. Außerdem sei unabhängig von einer Genehmigung des Schutzwagens die Stellungnahme als ausgesprochen grenzwertiger Eingriff in sein Eigentum zu betrachten.

Wie die Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde erklärte, laufe das Verfahren im Bauamt noch. Gestern Abend teilte der Presssprecher des Kreises Plön, Björn Demmin, mit, dass es weiteren Gesprächsbedarf gebe. Am 20. Mai soll es einen Ortstermin mit Bauamt, Forstbehörde und Betroffenen geben.

Käme die Plöner Rechtssicht der Beeinträchtigung des Naturhaushaltes zum Tragen, würde das Waldkindergärten insgesamt infrage stellen und damit ein landesweites Problem aufwerfen. Die Diskussion über Bauwagen für Waldkindergärten ist in den zuständigen Ministerien nicht neu. Letztlich sei hier das Innenministerium gefragt, hieß es aus dem Landesamt für Landwirtschaft, denn: Waldkindergärten seien aus pädagogischen Gründen gewollt und befürwortet.

 

 

Kommentar

von Susanne Otto

 

17 kleine Kinder mit einem Durchschnittsgewicht von jeweils etwa 16 Kilogramm sollen maßgeblich zur Verdichtung des Waldbodens beitragen, ihre Stimmen die Tiere verschrecken. Was passiert dann erst, wenn Forstarbeiter– wohlgemerkt zur Hege und Pflege des Waldes – mit dem Harvester zum Holzrücken unterwegs sind oder die Motorsäge zum Bäumefällen anwerfen?

Die Untere Naturschützbehörde des Kreises Plön ist da wohl doch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Gut, dass jetzt das Gespräch mit dem Waldbesitzer und der Kita gesucht werden soll. Hoffentlich fällt eine Entscheidung für die Umwelt und für die Kinder, denn: Nur was man kennt, kann man auch schützen. Die Waldkinder sind auf dem besten Weg, die Naturschützer von morgen zu werden.

 

 

 






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