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Freiherr-vom-Stein-Schule : Zeitzeugin kämpft gegen das Vergessen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Marianne Wilke (87) berichtete an der Freiherr-vom-Stein-Schule aus ihrer Kindheit in Zeiten des Nationalsozialismus’.

Neumünster | Es ist mucksmäuschenstill im Veranstaltungsraum der Freiherr-vom-Stein-Schule an der Schillerstraße, als Marianne Wilke das Wort ergreift. „Ich war sieben Jahre alt, als ich mit meinem sechsjährigen Bruder auf der Straße spielte. Plötzlich kam uns ein gleichaltriges Kind entgegen und rief ‚Meine Mutter hat gesagt, ihr seid Juden‘“, beginnt die 87-Jährige zu erzählen. Bereits nach wenigen Minuten hängen die Schüler wie gefesselt an ihren Lippen und lauschen den Worten der Seniorin, die  in Zeiten des Nationalsozialismus’ aufwuchs.

Gemeinsam mit ihrem Mann Günther (86), der damals wie sie in Hamburg lebte, war Marianne Wilke aus Wedel an die Schule gekommen. Dort berichtete sie von ihren Erfahrungen vor und während des 2. Weltkrieges  und beantwortete im Anschluss Fragen der rund 70 Neunt- und Zehntklässler.

„Ich erinnere mich noch gut daran, dass mein Großvater früher immer sagte, uns könne gar nichts passieren“, sagte Marianne Wilke, die als Halbjüdin galt, weil ihr Vater Jude war. Wie sehr er mit dieser Meinung falsch lag,  wurde klar, als es vom 9. auf den 10. November 1938 zur Reichspogromnacht kam. „Ab diesem Moment wurde es immer diskriminierender für uns. Erst hieß es ‚Verkehrt nicht mit Juden‘, dann durften wir irgendwann keine Sportplätze, Schwimmbäder, Kinos und Theater mehr betreten oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen. In der Schule musste ich allein auf einer Bank sitzen, weil mein Lehrer sagte, ich müsse  isoliert werden. Mein Bruder und ich gingen dann immer seltener auf die Straße“, erinnerte sich Marianne Wilke.

Bereits 1935, als das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ in Kraft trat, wurde Marianne Wilkes Mutter genötigt, sich scheiden zu lassen. Doch sie blieb standhaft und bewahrte ihren Mann damit vor dem Konzentrationslager. „Mein Bruder und ich haben das damals alles gar nicht verstanden. Aber wir haben gemerkt, dass wir gemieden wurden“, sagte Marianne Wilke. Sie selbst verdankte es einer Lehrerin, dass sie bis 1943 die Schule besuchen durfte. „Sie hat mich nie als Halbjüdin gemeldet und damit viel riskiert“, sagte die Seniorin mit stockender Stimme.

Klare Worte fand sie für die AFD: „Diese Partei ist keine Alternative, weil sie die gleiche Ideologie wie damals, nämlich die der Ungleichheit der Menschen, übernommen hat. Dagegen muss man sich wehren, und dagegen werde ich immer aufstehen.“

Schüler Ali Haydar (16) war von den  Aussagen sehr bewegt: „Es ist traurig zu hören, was mit ihrer Familie passiert ist. Man kann sich das viel besser vorstellen, wenn man mit Menschen spricht, die das alles miterlebt haben.“ Auch Katja Galliardt (16) fand den Vortrag sehr interessant: „Man kann sich kaum vorstellen, wie sich Frau Wilke gefühlt haben muss, als sie nicht einmal mehr auf einer normalen Parkbank sitzen durfte. Es ist schwer, sich in so eine Lage zu versetzen.“

 

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erstellt am 09.Feb.2017 | 08:10 Uhr

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