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Holsteinischer Courier

18. Oktober 2017 | 06:10 Uhr

Theater : Woyzeck forderte das Publikum

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Büchners Paradestück im Theater in der Stadthalle: Ein Wechselbad zwischen Faszination, Irritation, Verständnis und Ablehnung

von
erstellt am 07.Okt.2013 | 07:30 Uhr

An zwei Abenden konnte sich das Publikum mit Arbeiten des „Theaters an der Ruhr“ auseinander setzen. Die exzellente Darstellung von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ (der Courier berichtete) machte es nicht allzu schwer, der Handlung zu folgen. Die nicht weniger hervorragende Bebilderung des „Woyzeck“ von Georg Büchner forderte die 285 Besucher entschieden stärker. Während 100 Minuten wurden sie durch ein Wechselbad von Verstehen, Faszination, Irritation, Ablehnung, Zumutung geschickt – alles ausgelöst durch den Text eines Dichters, der am 17. Oktober vor 200 Jahren geboren wurde und mit nur 23 Jahren an Typhus starb.

Während seines kurzen Lebens absolvierte Georg Büchner das Gymnasium, studierte Medizin und Naturwissenschaften, promovierte und wurde Dozent an der Universität Zürich. Unter dem Eindruck der Französischen Revolution schrieb er das Drama „Dantons Tod“ (1835), die Erzählung „Lenz“ (1835) wurde eine eindringliche psychologische Studie, „Leonce und Lena“ (1836) ein trauriges Lustspiel und „Woyzeck“ (1836/37; UA 1913) ein aufregendes und schwer zu fassendes Stück Weltliteratur.

Die Theaterstücke, die in keine literarische Schublade passen, haben sich bis heute im Repertoire gehalten, und immer wieder bemühen sich Theatermacher, den Kern der Woyzeck-Geschichte freizulegen, zu enträtseln. Büchners Text fußt auf dem authentischen Fall des Perückenmachers Franz Woyzeck, der am 27.August 1842 in Leipzig wegen Mordes an seiner Geliebten öffentlich hingerichtet wurde – ein großes Spektakel für die Gesellschaft. Zuvor saß er drei Jahre im Gefängnis, bis Gutachter seine Schuldfähigkeit bescheinigten.

Büchner interessierte vor allem, was einem Menschen, der drei Jahre in einer „Todeszelle“ sitzt, durch den Kopf geht: Gedanken- und Gesprächsfetzen, reale Erinnerungen, Fantasien, Alpträume – und alles zugleich und durcheinander.

Hier knüpft die Inszenierung von Roberto Ciulli, Prinzipal des „Theaters an der Ruhr“, an. Er nennt seinen 100-minütigen Abend: „Woyzeck – Ein musikalischer Fall“. Die Darsteller bilden eine Band, die im Hintergrund der Bühne Melodien spielt: halb fertig, wie hingetupft, mal melancholisch, mal deftig. Diese Musik legt unter Büchners Text eine zweite Interpretationsebene. Bei Bedarf treten die „Musiker“ auch in Nebenrollen auf. Regisseur Cuilli traut sich viel und mutet seinen Zuschauern viel zu. Er bricht Tabus, wenn er in sehr eindringlichen, an Assoziationen reichen Bildern unter anderem eine Leichenschändung und eine Massenvergewaltigung zeigt. Das ist schwer auszuhalten!

Das Zentrum des Abends war Rupert J. Seidl als Woyzeck: ein baumlanger Mann mit weichen Gesichtszügen, der mit kindlichem Staunen in den Abgrund blickt; in der Bewegung wie ferngesteuert, im Denken schwerfällig, einsam und traurig. Großartig! Dagmar Geppert spielte die Geliebte Marie sinnlich und mit großem Freiheitsdrang. Rätselhaft-anrührend waren Szenen mit dem Kind (Khosrou Mahmoudi), das erst in den Armen des Henkers zur Ruhe kommt.

Überzeugend auch Steffen Reuber als philosophierender Hauptmann, Fabio Menéndez als experimentierfreudiger Doktor und Albert Bork als burlesker Tambourmajor. „Woyzeck“ – ein fordernder, auch Grenzen überschreitender Theaterabend, der viele Gedanken anstieß, aber auch einige Fragen offenließ. Hohe Anerkennung für die geschlossene Ensembleleistung.

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