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24. Oktober 2017 | 04:44 Uhr

Kirchentag

: Wo Schwarz-Grün gewinnen würde

vom

Seit dem Bremer Protestantentreffen 2009 ist Angela Merkel auf allen evangelischen Großveranstaltungen zu Gast gewesen - und immer waren die Hallen überfüllt.

shz.de von
erstellt am 04.Mai.2013 | 10:14 Uhr

Hamburg | Die Gospelsängerin hat es schwer, als die prominenteste deutsche Protestantin die Messehalle B5 auf dem Hamburger Messegelände betritt. Mit stehenden Ovationen und rhythmischem Klatschen begrüßen die bis zu Zehntausend Besucher in der überfüllten Halle Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Der Auftritt der Kanzlerin hat auf Kirchentagen Tradition: Seit dem Bremer Protestantentreffen 2009 ist Angela Merkel auf allen evangelischen Großveranstaltungen zu Gast gewesen, und immer waren die Hallen überfüllt.

Mal Merkel gucken ist "in" unter Deutschlands Protestanten. Auch in Hamburg, wo sie mit der Leiterin des UN-Entwicklungsprogramms und ehemaligen neuseeländischen Ministerpräsidentin Helen Clarke über die "Schöpfung in der globalisierten Welt" diskutiert. Und Angela Merkel enttäuscht die Kirchentagsbesucher nicht. Vor den auf Papphockern sitzenden Zuhörern plädiert die Bundeskanzlerin für Nachhaltigkeit, fordert eine effizientere Entwicklungshilfe und warnt vor einer Welt, "die auf Kosten der Zukunft lebt." Applaus. So sehen das auch die seit vielen Jahrzehnten für Gerechtigkeit, Frieden und eben Bewahrung der Schöpfung eintretenden Kirchentagsbesucher. Die Kanzlerin lobt die Energiewende. Wieder Applaus. Dass Kirchenleute und engagierte Christen lange dafür gekämpft haben, dass sich auch in Deutschland die Energiewende durchsetzt, scheint vergessen. "Uns wird es auf Dauer nur gut gehen, wenn es auch unseren Kindern gut geht." Mutti Merkel erklärt den Christen, die doch ein Zeichen setzen und politisch diskutieren wollen, die große, weite Welt.

Szenenwechsel. Die ehrwürdige Hauptkirche St. Michaelis ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Durch den Altarraum betritt der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Kirche, der frühere Kirchentagspräsident Eckhard Nagel und der Schweriner Bischof Andreas von Maltzahn begleiten ihn. Zur Podiumsdiskussion über die Krise der Finanzmärkte trägt Steinbrück den blauen Kirchentagsschal wie die Stola eines Pfarrers über den schwarzen Anzug. Applaus brandet auf. Doch Steinbrück hat noch Zeit. Erst reden andere: Als der Grünen-Europapolitiker Sven Giegold gegen Lobbyisten wettert, und "eine Trennung des großen Geldes von der Politik" fordert, tobt der Saal. Dann ist der Kanzlerkandidat an der Reihe, fordert eine stärkere Bankenregulierung und eine intensivere Bankenaufsicht. Und sagt Unbequemes: "Es gibt die eine oder andere Wette auf zukünftige Preise, die man nicht verbieten sollte", sagt Steinbrück, etwa die Spekulationen der Fluggesellschaften auf künftige Kerosinpreise.

Doch die Kirchentagsbesucher überzeugt er nicht. Steinbrücks Applaus bleibt spärlich, in der Podiumsdiskussion meldet er sich kaum zu Wort. Nur als sich der Moderator einen kapitalen Versprecher leistet, und Steinbrück sagt: "Stellen Sie sich vor, das hätte ich gesagt!", bringt er den Michel kurzfristig zum Toben.

Punkte für den Kampf ums Kanzleramt konnte Steinbrück an diesem Tag in Hamburg wohl nicht sammeln - die blauen Fahnen des Kirchentags scheinen für schwarz-grün zu wehen.

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