Neuer Gesellschaftsvertrag : Wirtschaftsagentur jetzt rein städtisch

Iris Meyer führt seit dem 1. April 2014 die Geschäfte der Wirtschaftsagentur.
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Iris Meyer führt seit dem 1. April 2014 die Geschäfte der Wirtschaftsagentur.

Die Stadt übernahm die Anteile der fünf anderen Gesellschafter. Die Wirtschaft bleibt aber weiter im Aufsichtsrat vertreten

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30. Juli 2015, 12:00 Uhr

Neumünster | Mit der Bekanntmachung im Handelsregister ist es jetzt amtlich: Die Stadt hat die Anteile der Industrie- und Handelskammer, von Edeka Nord, der Sparkasse Südholstein, den Stadtwerken und von Voigt Logistik (je 9 Prozent) übernommen und ist jetzt alleinige Eigentümerin der Wirtschaftsagentur (WA) an der Memellandstraße. Die hiesige Wirtschaft wird aber weiterhin im Aufsichtsrat vertreten sein.

Allerdings gibt es auch hier Veränderungen: Das Gremium wird künftig elf statt bisher sieben Mitglieder haben. Neben den fünf Vertretern der Stadt, die die Ratsversammlung entsendet, und Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras, der qua Amt den Vorsitz führen wird, sind fünf feste Mandate für die Wirtschaft vorgesehen. Sie werden vom Unternehmensverband, der IHK, der Kreishandwerkerschaft, der Volksbank und der Sparkasse besetzt.

Damit ist das Gremium künftig paritätisch mit Vertretern der Politik und der Wirtschaft besetzt – mit dem OB als Zünglein an der Waage. Bislang hatte sich die Stadt, obwohl mit 55 Prozent die Mehrheitsgesellschafterin, mit zwei der sieben Aufsichtsratsmandate begnügt. „Ich bin sehr gespannt, wer in den Aufsichtsrat entsandt wird“, sagte die WA-Geschäftsführerin Iris Meyer zum Courier. „Ich verspreche mir mehr Transparenz in den politischen Raum hinein und begreife das als Chance“, sagte sie.

Am Tagesgeschäft ändert sich nach ihrer Einschätzung durch die neue Gesellschaftsstruktur nichts. Es wird durch vier Geschäftsfelder geprägt: 1.) den Immobilienservice, also die Vermarktung städtischer Gewerbeflächen; 2.) den Unternehmensservice; 3.) den Existenzgründungsservice und 4.) das Stadtmarketing. Dort sind Citymanager Michael Keller, das Standortmarketing in der Nordgate-Kooperation und der Metropolregion Hamburg und künftig möglicherweise auch das Tourismusmarketing angesiedelt.

Ein dickes Lob bekamen Iris Meyer und ihr Team vom OB Tauras beim Bierabend des Unternehmensverbandes. „Wir haben 2014 das Budget so nicht gebraucht und konnten das Defizit erheblich reduzieren“, sagte die WA-Chefin. Die Stadt muss die Verluste der Wirtschaftsagentur ausgleichen. „Schwarze Zahlen sind aber in der Wirtschaftsförderung einfach nicht denkbar“, so Iris Meyer.

Das Gründerzentrum Log-In ist zurzeit zu 88 Prozent und damit gut ausgelastet. „Viel mehr ist auch nicht gesund. Man muss Erweiterungsmöglichkeiten und Flächen für Existenzgründer parat halten“, so Meyer.

Im Immobiliengeschäft hat die WA zurzeit viele Anfragen für Großflächen – im Industriegebiet Süd sogar auch für solche, die südlich des Donaubogens erst noch erschlossen werden müssen. Im neuen Gewerbepark Eichhof an der Autobahn hofft Iris Meyer auf eine weitere Neuansiedlung noch in diesem Jahr. Die Stadt ist seit der Immobilienmesse Expo Real im Oktober 2014 gefragt. „Viele international tätige Projektentwickler haben sich Neumünster angeschaut. Jetzt kommen die Anfragen“, so Meyer.

Standpunkt

Wer die Musik bezahlt ...

Die Wirtschaftsagentur begreift sich als Dienstleister und Lotse zwischen Wirtschaft und Stadtverwaltung. Deshalb war es damals eigentlich auch die richtige Idee, die Wirtschaft mit ins Boot zu holen. Ja, die Stadt hat sich im Aufsichtsrat sogar mit deutlich weniger Sitzen begnügt, als ihr als Mehrheitsgesellschafterin eigentlich zugestanden hätten. Und das hat ja 13 Jahre lang von der Gründung der Wirtschaftsagentur  bis heute auch ganz gut funktioniert. Jetzt sind die Gewichte verschoben worden. Die Kommunalpolitik hat sich – nahezu einmütig – mehr  Einfluss gewünscht. Frei nach dem Motto: Wer die Musik bezahlt (oder besser:  wer die Verluste ausgleicht), der bestimmt auch, welche Titel aufgelegt werden. Na ja, ganz so drastisch ist es denn doch nicht. Die Wirtschaft ist zwar nicht mehr Gesellschafter der Wirtschaftsagentur, bleibt aber im Aufsichtsrat vertreten – nur  nicht mehr so dominant  wie zuvor. Mit sechs von elf Aufsichtsratsmandaten hat die Stadt in Zukunft das Sagen. Ob und wie gut das funktioniert, muss sich noch zeigen. 

Einen  Vorteil hat die neue Konstruktion aber bestimmt: Das städtische Tourismusmarketing  kann nun unter dem Dach der Wirtschaftsagentur in städtischer Regie organisiert und muss nicht  ausgeschrieben werden.

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