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Rocker-Prozess : „Wir reden nicht vom Häkel-Club“

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Im Rocker-Prozess vor dem Kieler Landgericht hat ein Zeuge die Angeklagten belastet.

Neumünster | Diesmal hat die Rocker-Ehre offenbar keine Rolle gespielt. Im Prozess vor dem Kieler Landgericht gegen drei Männer aus Kreisen der ehemaligen „Bandidos Neumünster“ hat gestern ein Zeuge seine einstigen Weggefährten schwer belastet. Detailliert schilderte der Neumünsteraner (40) Absprachen sowie Rollenverteilung während eines blutigen Angriffs auf einen Kontrahenten aus Kreisen der revalisierenden „Hells Angels“ Ende 2009 in der Gaststätte Titanic.

Angeklagt sind der ehemalige NPD-Landesvorsitzende und spätere „Bandido“ Peter Borchert (41), „Bandidos“-Mitglied Alexander H. (34) sowie Nils H. (33), Präsident der Unterstützer-Gruppe „Contras“. Sie sollen am 2. Dezember 2009, also zu Hochzeiten des Rocker-Krieges, in der Gaststätte Titanic einen Mann aus Kiel (45) angegriffen und schwer verletzt haben. Der Kieler wollte dort mit seinem Club „DC Other Place“ an einem Dart-Turnier teilnehmen. Offenbar brachten die Neumünsteraner Rocker ihn mit den verfeindeten „Hells Angels“ in Verbindung. Während Peter Borchert laut Anklage die Eingangstür sicherte, soll Alexander H. (34) dem Opfer Faustschläge versetzt haben. Nils H. (33) soll dem Kieler den Gürtel abgenommen und ihn damit verdroschen haben.

„Ich war damals Hangaround (Unterste Stufe der Mitgliedschaft) bei den ‚Contras‘. Nils rief an, ich solle zum Postparkplatz kommen. Was sollte ich denn machen? Wenn mein Präsident anruft, musste ich los“, erklärte der Zeuge, der auch der Sohn des Titanic-Gastwirts ist. Dann schilderte er, wie Peter Borchert am Eingang stehen blieb, „so dass keiner durchkommen konnte“. Auch der Wirt, der Schlimmeres verhindern wollte, wurde demnach zurückgedrängt. „Nils und Alexander sind reinmarschiert und haben ihn sich gegriffen. Das war eine kurzfristige Aktion, nichts lange Geplantes. Wir wollten eigentlich nur Masse zeigen. Für uns war aber auch klar, dass es nicht sein kann, dass Leute mit Supporter-Klamotten der ‚Hells Angels‘ in unserer Stadt rumlaufen“, so der Zeuge. Offenbar wurde dem Kieler sein Gürtel zum Verhängnis, der ihn als Hell-Angels-Anhänger auswies.

Erst vor einem Jahr hatte sich der Belastungszeuge zu einer umfassenden Aussage entschlossen und war zur Polizei gegangen – was die Verteidigung durchaus stutzig macht. „Welche Vorteile wurden Ihnen versprochen?“, hakte ein Anwalt bei dem Mann nach, gegen den zurzeit selbst ein Verfahren geführt wird. Doch der Zeuge beteuerte, er habe nur seinen Vater, den Gastwirt, unterstützen wollen. „Der stand mit dem ganzen Kram allein da“, hieß es. Bedrohungen habe es nicht gegeben. Auf die Frage des Staatsanwalts, ob er dennoch Angst vor den Rockerkreisen haben, erklärte der Zeuge allerdings: „Wer hätte das nicht? Wir reden hier nicht von einem Häkel-Club.“

Vier weitere Zeugen, die an dem Abend in der Kneipe gewesen waren, hatten zuvor alle durch Erinnerungslücken geglänzt und niemanden wiedererkannt.

Der Prozess wird fortgesetzt.

 

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erstellt am 17.Mär.2015 | 06:00 Uhr

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