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Boostedt : „Wir müssen miteinander Erfahrungen sammeln“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Flüchtlingsunterkunft: Der Ministerpräsident stellte sich im Hof Lübbe den Fragen von Boostedtern.

Boostedt | Geschlossene Gesellschaft, offene Worte: Am Mittwochabend traf sich Ministerpräsident Torsten Albig auf Einladung von Bürgermeister Hartmut König (CDU) mit den Boostedter Helferinitiativen für Flüchtlinge im Hof Lübbe. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Menschen lange in Schleswig-Holstein bleiben. Wir müssen sie in die Lage versetzen, an unserem Alltag teilzunehmen, sonst werden ungewollte Parallelgesellschaften entstehen“, appellierte Albig.

Der Besuch diente der gegenseitigen Information. Erwartet wurden von den rund 80 Teilnehmern aber auch Antworten auf Fragen zur Flüchtlingsaufnahme und -betreuung im Land, insbesondere in Boostedt. Neben Torsten Albig und Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler (beide SPD) nahmen die Schulleiterin Dagmar Drummen, das Leitungsteam der Flüchtlingserstaufnahmestelle in Neumünster, Ulf Döhring und Katja Ralfs, Hartmut König, Hartmut David als Vertreter der Kirchengemeinde sowie Franz Strompen als Vorsitzender des Vereins Willkommen in Boostedt (WiB) an der Podiumsdiskussion teil. Moderiert wurde diese von Sabrina Freuling, die dem örtlichen Kirchengemeinderat angehört.

„Nach der Einwohnerversammlung im Oktober (der Courier berichtete) war ich enttäuscht über die Ablehnung vieler Boostedter. Aber wir haben die Stimmung im Ort so beeinflussen können, dass nun viele Bürger den Flüchtlingen positiv gegenüberstehen“, schickte der Bürgermeister voraus.

Wichtig ist den Helfern vor Ort eine gelebte Willkommenskultur sowie die Vermittlung der deutschen Sprache. Auch Dagmar Drummen unterstützte diese Anliegen. Allerdings merkte sie an, dass erfolgreicher Deutschunterricht professioneller Unterstützung durch Daz-Lehrer (Deutsch als Zweitsprache) bedürfe. Bestätigt wurde das von Ulf Döhring und Katja Ralfs. „Doch bei einer Aufenthaltsdauer von zwei Wochen kann man zurzeit nur wenig bewegen“, erklärten sie. Dennoch, jede Idee aus den Helferkreisen sei willkommen. Wichtig sei bei allen Angeboten die Abstimmung mit dem Betreuungsverband des Deutschen Roten Kreuzes, der die Organisation in der Flüchtlingsunterkunft innehat.

Zur Notwendigkeit einer möglichst schnellen Integration der Asylsuchenden erklärte Albig zudem: „Und wir müssen sie dazu bringen, hier bei uns im Land zu bleiben und Werte zu schaffen. Denn sie sind auch eine Chance, dem demografischen Wandel im Land entgegenzuwirken.“

Auf die Frage an den Ministerpräsidenten, wo er sich in der Verantwortung für Boostedt sehe, antwortete er: „Ich habe mit großem Respekt verfolgt, wie es in Boostedt gelungen ist, ablehnende Haltungen zu verändern. Da können sich andere im Land was abgucken. Meine Verantwortung ist, Boostedt und andere Gemeinden mit Sach- und Geldmitteln zu unterstützen und im Dialog zu bleiben.“

200 000 Menschen flüchteten im vergangenen Jahr nach Deutschland. Und die Zahl der Flüchtlinge für das laufende Jahr werde mittlerweile auf 400 000 bis 600 000 geschätzt. „Weder Politik noch Staat standen jemals vor einer solchen Aufgabe. Deshalb müssen wir miteinander Erfahrungen sammeln. Und es liegt auch in der Verantwortung des Ministerpräsidenten, aus Fehlern zu lernen“, erklärte Albig. Es bleibe jedoch in jeden Fall dabei, dass in Boostedt nicht mehr als 500 Flüchtlinge untergebracht werden. „Da sind wir der Gemeinde gegenüber im Wort“, so der Ministerpräsident. Zurzeit würden deshalb weitere Liegenschaften überprüft, denn das Land braucht in kürzester Zeit rund 4000 Plätze für Erstaufnahmen, um dem Strom der Flüchtlinge gerecht zu werden.

Konkrete Hilfen aus Kiel gab es an diesem Abend allerdings nur für den Verein WiB, dem Albig die für Lehrmaterial benötigten 600 Euro spontan in die Hand versprach.

Warten müssen die ehrenamtlichen Helfer wohl eine Weile auf interkulturelle Schulungen und persönliche Unterstützung. Denn diese sind bisher für Helfer in Erstaufnahmestellen nicht vorgesehen. „Zurzeit gibt es nur für Helfer Programme, die die Asylsuchenden nach ihrer Verteilung in die Kreise und Gemeinden betreuen“, erläuterte Manuela Söller-Winkler. „Doch das werden wir ändern“, versprach der Ministerpräsident abschließend, verbunden mit der Aufforderung an die Teilnehmer auch in Zukunft Erfahrungen weiterzugeben und im aktiven Austausch mit der Landesregierung zu bleiben.

„Ich gehe mit einem positiven Gefühl hier raus. Und ich hoffe, dass wir weiterhin von der Landesregierung unterstützt werden“, äußerte sich am Ende der Veranstaltung Julika Kundikow (32) aus Boostedt, die sich im Verein WiB engagiert. Die Mehrzahl der Teilnehmer sah das ähnlich. Mehrfach war jedoch auch zu hören, dass den Worten nun auch Taten folgen müssten.

 










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