70 Jahre Kriegsende : "Wir Kinder halfen den Engländern bei der Entwaffnung"

Kaum zu erkennen: die Textilfabrik Sager an der Fabrikstraße. Das Gelände der Firma gleicht zum Kriegsende einer bizarren Trümmer-Landschaft.
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Kaum zu erkennen: die Textilfabrik Sager an der Fabrikstraße. Das Gelände der Firma gleicht zum Kriegsende einer bizarren Trümmer-Landschaft.

Erich Handrick (77) erlebte den Krieg in Neumünster und in Einfeld / Als im Mai 1945 die englischen Panzer kamen, jubelten die Kinder ihnen zu

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08. Mai 2015, 12:00 Uhr

Neumünster | Am Ende des Zweiten Weltkriegs lag etwa ein Drittel des Stadtgebietes von Neumünster in Schutt und Asche. Am 3. Mai 1945 fuhren um 17.30 Uhr die ersten englischen Panzer in die Stadt; am 8. Mai war der Krieg auch offiziell vorbei. Erich Handrick ist ein Ur-Neumünsteraner, wenn er auch 1937 in Einfeld auf die Welt kam (damals noch Kreis Rendsburg). Er hat den Krieg in Neumünster erlebt und seine Erinnerungen aufgeschrieben.

„Als mein Vater eingezogen wurde, zogen wir in das Elternhaus meiner Mutter nach Neumünster in die Moltkestraße. Der Krieg war für mich zunächst eine interessante Abwechslung. Die deutschen Militärflugzeuge flogen beim Landeanflug zum Flugplatz nur wenige Meter über unser Haus. Ich lag mit dem Fernglas in der Hand auf dem Balkon und schaute mir die Flugzeuge genau an. Ab 1943 änderte sich meine Einstellung. Laufend gab es Fliegeralarm, und wir mussten in den Luftschutzraum im Keller. Besonders nachts war das lästig. Ein Spruch meiner Tante blieb mir in Erinnerung: „Moors eben warm – Fliegeralarm!“ Gab es Fliegeralarm am frühen Abend, trug man mich im Halbschlaf in den Keller, wo ich in einer ausgedienten Kartoffelkiste weiterschlief. Dann fragte ich am nächsten Morgen: „War heute Nacht Alarm?“.

Bekam ich als Kleinkind noch alles zu essen, so war das zum Ende des Krieges anders. Die Aussage: „Es ist Krieg, und da muss man sich einschränken, damit unsere Soldaten genug zu essen haben“, fand bei mir wenig Verständnis. Allmählich begann ich den Krieg zu hassen.

1943 erkrankte ich an Scharlach und musste ins „Krankenhaus“; das war eine Baracke nahe des Gesundheitsamtes im Meßtorffweg. Beim Fliegeralarm vor dem ersten Angriff auf Neumünster wurden wir nur notdürftig bekleidet in den Erdbunker gebracht. Die Detonation der Bomben über uns werde ich nie vergessen. Das Licht ging aus, nicht nur die Kinder schrien, sondern auch die Kinderkrankenschwestern. Dann wurde es still. Kerzen wurden angezündet, eine Taschenlampe leuchtete in unsere Gesichter. Keinem war etwas geschehen. Nach einigen Stunden bangen Wartens kamen die ersten Eltern, um nach ihren Kindern zu schauen. Plötzlich hörte ich die vertraute Stimme meiner Großmutter rufen. Freudig lief ich zum Ausgang des Bunkers. Da die Baracke niedergebrannt war, brachte mich meine Oma zu ihrer Wohnung am Mühlenhof. Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt bei ihrer Schwester in Kaltenkirchen, kam später zurück.

Das Haus in der Moltkestraße war durch den Angriff zerstört worden. Auf einem Leiterwagen wurde ich in unsere leerstehende Wohnung nach Einfeld gebracht, in das Haus vom Beerdigungsinstitut Horst am Waldschlösschen. Auf dem Weg fuhren wir über den Kuhberg. Ich warf unter der Federdecke einen Blick auf die noch brennenden Häuser und die weinenden Menschen auf der Straße, die auf ihren Habseligkeiten kauerten. Ein Anblick, der sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt hat.

Da wir noch einige Sachen aus den Trümmern des Hauses in der Moltkestraße benötigten, erwartete mich dort der nächste Schreck. Das Haus stand noch in seiner vollen Größe, nur hatte es keine Fassade mehr. Ein Volltreffer hatte das Haus gegenüber getroffen, und durch den Luftdruck war die gesamte Fassade auf die Straße gefallen. Alle Zimmer waren noch voll eingerichtet.

Nach meiner Genesung wurde ich in Einfeld eingeschult und hatte auch schnell Freunde gefunden. Mein bester Freund war „Hanni“ Möller, der spätere Abschleppunternehmer. Er wohnte nur drei Häuser weiter und ging mit mir in die gleiche Klasse. Hanni war immer zu Streichen aufgelegt.

Einfeld blieb vom Krieg weitestgehend verschont. Die nächtlichen Angriffe auf Neumünster konnten wir aus sicherer Entfernung beobachten. Die meisten Bomben trafen den Bahnhofsbereich, den Flugplatz und das Eisenbahnausbesserungswerk. Wir Kinder kannten nur den Krieg, merkten aber: Der Frieden muss etwas ganz Besonderes sein. Wir merkten den Erwachsenen an, dass sie auch vom Krieg buchstäblich die Nase voll hatten. Als dann die ersten englischen Panzer kamen, standen wir Kinder jubelnd an der Straße und winkten den Engländern zu. Das war noch vor dem 8. Mai, aber für mich war jetzt der Krieg zu Ende.

Einige Kinder hatten schon englische Sätze gelernt: „Haf ju schokolet for mei masser?“ oder „zigarets for mei faser“. Die Engländer waren zu uns Kindern sehr freundlich und versorgten uns mit Süßigkeiten und weißem Brot. Auch Kaugummi war etwas Neues. Das Wort hatten wir ganz schnell gelernt: „Schuwingam“. Inzwischen war der Landgasthof Waldschlößchen von den Engländern beschlagnahmt und als Auffangstelle für flüchtige deutsche Wehrmachtsangehörige eingerichtet worden. Ein Schild in deutscher Sprache wies darauf hin, dass alle Waffen abgegeben werden sollten und sich sämtliche Soldaten zwecks Entnazifizierung melden mussten.

Das ging uns aber zu weit. Hanni und ich hatten eine Gegenmaßnahme beschlossen. Die zurückkehrenden Soldaten wurden abgefangen und über das Bahngelände an der Sperre vorbeigeführt. Auch bei der Entwaffnung wollten wir helfen. Es wurden alle Kinder zusammengetrommelt und mit dem Einsammeln der Waffen beauftragt – Hanni und ich voran mit einer Panzerfaust auf dem Rücken. Die anderen Kinder schleppten Karabiner und Maschinengewehre Richtung Waldschlößchen. Als die Engländer uns sahen, brachten sie sich hinter einer Mauer in Sicherheit. Da unser heldenhafter Einsatz so wenig Anerkennung fand, stellten wir die Waffen ab und wollten beleidigt umkehren. Doch plötzlich kamen die Engländer aus ihrem Versteck und belohnten uns mit Schokolade, Kaugummi und Bonbons.

Bereits wenige Tage nach dem Ende des Krieges ging es wieder bergauf. Der ländliche Raum hatte sich schnell wieder erholt. Viele Flüchtlinge und Ausgebombte erhielten einen kleinen Garten, wo das Nötige zum Leben angebaut wurde. Viele hielten sich ein Schwein, Hühner, Kaninchen und „stoppelten“ Kartoffeln. Es gab Arbeit ohne Ende. Man konnte bei den Bauern arbeiten, oder beim Aufbau der Häuser und Fabriken helfen.

Die schrecklichen Kriegserlebnisse waren zwar nicht vergessen, aber man hatte keine Zeit, viel darüber nachzudenken. Es gab viel zu tun, wir Kinder mussten kräftig mit anpacken. Dass auch in Friedenszeiten nicht alles in Ordnung war, stellten wir schnell fest. Aber Angst vor Bombenangriffen brauchten wir nicht mehr zu haben.“

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