Neumünster : „Wir brauchen ein Bekenntnis zueinander“

Candan Six-Sasmaz hat sich auf die Themen Integration und Türken in Deutschland spezialisiert.
Candan Six-Sasmaz hat sich auf die Themen Integration und Türken in Deutschland spezialisiert.

Die Neumünsteraner Journalistin Candan Six-Sasmaz spricht über Anfeindungen, Erdogan und Integration.

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10. August 2018, 08:30 Uhr

Neumünster | Morgen dreht die Journalistin Candan Six-Sasmaz beim Ali-Baba-Grill in Neumünster eine ZDF-Dokumentation über das Zusammenleben von Deutschen und Türken. Die 42-Jährige arbeitet für verschiedene Fernsehproduktionen zu den Themen Türken in Deutschland, Islam und Integration. Die Neumünsteranerin spricht mit Courier-Redakteurin Gunda Meyer über ihre Erfahrungen, Erdogan und woran es bei der Integrationsdebatte hapert.

Frau Six-Sasmaz, der Film, den Sie auch in Neumünster drehen, handelt davon, wie das Zusammenleben von Deutschen und Türken funktioniert. Welche war Ihre schlimmste Anfeindung, die Sie erlebt haben?
Eigentlich waren es drei schlimme Ereignisse, die mich nachhaltig geprägt haben. Die Brandanschläge von Mölln und Solingen sowie die NSU-Mordserie. Als türkisches Gastarbeiterkind wächst man mit Alltagsrassismus auf, doch dass in diesem Land Menschen nur aufgrund ihrer Ethnie verbrannt und erschossen werden, hat mich tief erschüttert und mein Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Land, das ich liebe, verletzt. Auf der anderen Seite mache ich jeden Tag viele schöne Erfahrungen, die mich hoffen lassen. Letztens sprach ich mit einer Freundin in einem Café darüber, ob man als Türke überhaupt Deutscher werden kann. Eine Dame am Nachbartisch sagte: „Es ist doch egal, ob Sie Deutsche oder Türkin sind, Sie sind auf jeden Fall Neumünsteranerin.“

Warum funktioniert die Integration in Deutschland nur so schleppend?
Bevor wir uns darüber unterhalten, ob die Integration der Türken gelungen oder gescheitert ist, sollten sowohl die Mehrheits- als auch die Minderheitsgesellschaft eine entscheidende Grundsatzfrage beantworten: Gehören die Türken zu Deutschland?

Erst wenn ein Bekenntnis beider Seiten zueinander erfolgt ist, kann man die Integration angehen. Die Türken leben seit fast 60 Jahren in Deutschland und sie werden immer noch nicht als ein selbstverständlicher Teil dieses Landes wahrgenommen, weder von den Deutschen noch von ihnen selbst. Die Folgen der Scheinintegration führen zu Resignation bei den Türkeistämmigen.

Die Mehrheit von ihnen erfüllt die Integrationskriterien, aber Deutsche sind sie noch lange nicht. Es ist frustrierend, wenn man trotz aller Bemühungen immer noch auf den Klischeetürken reduziert wird. Irgendwann stellt sich die Frage: Wer bin ich eigentlich? Die Antwort für viele ist: Türke bist du, Deutscher musst du werden. Aber wozu es versuchen, wenn man es doch nicht schafft? Das führt zu einer stärkeren Zuwendung zur türkischen Identität. Damit die Integration funktioniert, sind beide Seiten in der Pflicht zu akzeptieren, dass Türken hierzulande auch Deutsche sind.

Haben die Diskussionen um Erdogan zu einer weiteren Distanz geführt?
Ja. Der Umgang der Deutschen mit der Person Erdogan ist dem Land der Dichter und Denker unwürdig. Der türkische Präsident darf und sollte kritisiert werden wie jedes andere Staatsoberhaupt auch. Doch die Haltung der deutschen Politik entbehrt jeder Moral, die Haltung der Presse entlarvt ihre Unwissenheit.

Die Türkei ist ein sehr kompliziertes Land, man muss ein tiefergehendes Verständnis über ihre Geschichte, Politik, Gesellschaft, Traditionen und auch Sprache haben, um über Erdogan und seine Regierung sprechen zu können. Das haben die wenigsten Deutschen, trotzdem meinen viele, sie müssten mit uns Türkeistämmigen über Erdogan diskutieren. Diese lästigen Gespräche bestehen oftmals nur aus Angriffen und Verteidigung. So werden auch Menschen, die Erdogan nicht gut finden, gezwungen, ihn zu erklären. Wer für Erdogan ist, muss gegen die Demokratie sein, so die Wahrnehmung. Dabei ist es nicht so einfach.

Die Deutschtürken waren über Jahrzehnte politisch betrachtet die Stiefkinder beider Länder. Niemand hat sich um sie gekümmert, sie konnten nicht mitreden. Erdogan hat die Lücke gesehen und gefüllt. Die Menschen werden nun von zwei Regierungen instrumentalisiert, um einen politischen Machtkampf auszutragen.

Was kann man tun, um die Integration erfolgreich voranzutreiben?
Ich finde, wir sollten erst einmal das Wort Integration aus unserem Sprachgebrauch verbannen. Niemand weiß genau, was Integration wirklich bedeutet. Es hat uns allen das Leben nicht einfacher, sondern schwerer gemacht. Weil man an etwas gemessen wird, was kein Maß hat. Stattdessen sollten wir akzeptieren, dass Deutschland nicht nur blond und blauäugig ist, sondern auch schwarze Haare und braune Augen hat. Dazu gehört auch, allen die gleichen Rechte und Pflichten einzugestehen. Wie das kommunale Wahlrecht, das sich viele Türkeistämmige wünschen, um in ihren direkten Umfeld mitsprechen zu können.

Es wird oft von Parallelwelten gesprochen. Wie bewerten Sie das für Neumünster?

Ich bin überzeugt davon, dass die Neumünsteraner sehr tolerant sind. Natürlich können wir im Umgang miteinander einiges besser machen, aber ein wirkliches Ausgrenzen oder Abschotten findet hier nicht statt. Die Stadt stand in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich und sozial immer wieder vor neuen Herausforderungen, aber die Stimmung ist nie in Ausländerfeindlichkeit gekippt. Das spricht für die Menschen dieser Stadt und darauf können wir stolz sein.

Mit Ihrem Film wollen Sie das Zusammenleben durchleuchten. Welche Unterschiede erwarten Sie zwischen den Städten?
Der deutsch-türkische Freundschaftsgrill findet in Neumünster, Dortmund, München und Erfurt statt, so dass wir Deutschland geografisch gut abgedeckt haben. Bereits in der Recherche nach Drehorten haben wir die Mentalitäten der Städte kennenlernen dürfen. Während es keine großen Unterschiede in den westdeutschen Städten gab, war es schwierig, im Osten eine geeignete Dönerbude zu finden. Viele Imbissbesitzer hatten Angst, dass sie durch unseren Film die Aufmerksamkeit von Rechtsextremen erregen und zur Zielscheibe werden. Die größte Unterstützung in der Vorbereitung haben wir aber in Neumünster bekommen.

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