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Interview : „Wir als Kirche müssen nicht jammern“

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Propst Stefan Block freut sich auf die vielen Veranstaltungen im Reformationsjahr, sieht aber Probleme beim Pastoren-Nachwuchs und beim Vandalismus auf den Friedhöfen.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2017 | 10:00 Uhr

Neumünster | Herr Block, Martin Luther soll einmal gesagt haben: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“ Das Reformationsjahr soll eigentlich Grund zur Freude bringen, doch die Zahl der Gläubigen nimmt weiter ab? Wie sind ihre Emotionen in diesem Jahr?
Das Reformationsjahr bringt ja auch Freude! Denn wir feiern nicht uns selbst, sondern zum Beispiel, dass durch Luthers Übersetzung bis heute den Menschen eine persönliche Entdeckung der Bibel ermöglicht wurde. Und dass nicht kirchliche Dogmen, sondern die Verantwortung des Gewissens vor Gott wichtig ist. Sicher, die Zahl der Kirchenglieder nimmt ab, das stimmt leider. Andererseits bestätigt die letzte Mitgliedschaftsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland, dass zwar die Mitgliedschaft abnimmt – die Zahl der Engagierten und mit der Kirche Verbundenen aber zunimmt. Also, wir als Kirche müssen nicht jammern! Aber schon uns um jeden Menschen bemühen, das ist klar.

Bei der letzten Kirchengemeinderatswahl lag die Wahlbeteiligung in einigen Gemeinden zum Teil deutlich unter 10 Prozent. Warum interessiert sich niemand mehr für Kirchenarbeit?
Tatsächlich war die Wahlbeteiligung überhaupt nicht gut. Viele Menschen haben offenbar überhaupt gar keinen Bezug zu dieser Wahl finden können. Und wir müssen offenbar noch deutlicher machen, dass auch Demokratie in der Kirche ein Gut ist, das man aktiv pflegen muss. Sonst wird es kraftlos. Andererseits: Fast 3400 Kirchenglieder sind am 1. Advent in Neumünster zur Wahl gegangen. Denen möchte ich für dieses Zeichen von Mitbestimmen-wollen erst einmal ganz herzlich danken!

Deutlich bestreiten möchte ich aber, dass die schlechte Wahlbeteiligung ein Zeichen für mangelndes Interesse an kirchlichem Engagement ist. Es scheint ein Unterschied zu sein, ob man sich an kirchlichen Angeboten beteiligt – oder ob man bereit ist, zu einer Kirchenwahl zu gehen. Wenn ich an die Chöre, Pfadfindergruppen, kirchliche Flüchtlingsinitiative oder auch an die vielen Ehrenamtlichen zum Beispiel in der Diakonie denke – dann gibt es auch Neuaufbrüche und starke Beteiligung.

Ist geplant, Gemeinden zusammenzulegen oder Kirchen zu schließen?
Nein, wir planen in Neumünster derzeit keine Gemeindefusionen oder Schließungen von Kirchen. Stattdessen haben wir in den letzten Jahren eher manche räumliche Erweiterungen erleben dürfen: so in der Lutherkirche in Tungendorf oder in Einfeld. Aber wir überprüfen derzeit zusammen mit den Gemeinden den Zustand und die Nutzbarkeit der Gebäude – auch aus Gründen des Klimaschutzes.

Wie versucht die Kirche, neue Mitglieder zu gewinnen?
Vor allem versuchen wir in den Gemeinden, in unseren Initiativen und Arbeitsfeldern das Christsein in Wort und Tat zu leben – das ist eine ganz andere Dimension als bloße Mitgliederwerbung. Die neuen Kirchengemeinderäte in unserer Stadt sind da sehr motiviert und engagiert! Ich höre von neuen Gottesdienst-Projekten, innovativem Konfirmandenunterricht und Neuaufbrüchen in der Jugendarbeit; von Mitarbeit in den Stadtteilen oder von neuen Ideen, wie wir gerade im Reformationsjahr mit der Gesellschaft neu ins Gespräch kommen können. Da lohnt es sich sehr, mal die Programme zum Jubiläumsjahr in die Hand zu nehmen, die überall ausliegen. Aber ich erfahre auch von intensiver Seelsorge und Hauskreisen, wo gemeinsam gebetet, über den Glauben gesprochen wird. All das und noch viel mehr wirkt auch ansteckend und einladend.
Wie schwierig ist es heute, Pastorenstellen zu besetzen?
Wir haben in unserer Landeskirche Gott sei Dank immer noch genug Pastorinnen und Pastoren. Aber in etwa sieben Jahren werden wir eine Pensionierungswelle erleben – und dann wird es schwierig, auch in Neumünster! Erfreulicherweise haben wir derzeit an den Universitäten wieder einen leichten Anstieg an Studienanfängern zu verzeichnen. Doch das wird für den Bedarf, den wir ab 2024 haben, nicht reichen. Unsere Kirche sucht da nach guten Wegen, damit die Gemeinden dann keine zu großen Probleme haben.

Der große Flüchtlingsstrom ist vorerst abgeebbt. Doch die Zahl der Ausländer in Neumünster steigt. Wie richtet sich die Kirche auf diese Situation ein?
Wir engagieren uns als evangelischer Kirchenkreis mit unserer Diakonie zusammen mit anderen Organisationen ja schon seit vielen Jahren in der Erstbetreuung von Geflüchteten. Und dazu war und ist besonders die Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde sehr aktiv und gastfreundlich. Jetzt, wo es aber mehr um die Integration als um die Erstaufnahme geht, haben wir in Neumünster ein Netzwerk der Kirchengemeinden aufgebaut, um ausländischen Menschen das Einleben zu erleichtern.

Doch dass schon lange Menschen anderer Nationalität und anderen Glaubens in Neumünster leben, das ist ein Reichtum unserer Stadt! Zu einem geringeren Teil sind sogar Christinnen und Christen unter den Menschen anderer Herkunft. Sie haben teilweise Heimat in unseren Gemeinden gefunden, bilden aber auch Gemeinden eigener Tradition und Sprache. Da haben wir oft guten Kontakt. Und dazu gibt es den christlich-muslimische Dialogkreis.

Welche Projekte werden gemeinsam mit Vertretern und Organisationen anderer Glaubensrichtungen umgesetzt?
Vom christlich-muslimischen Dialogkreis habe ich schon gesprochen. Doch er hat gegenwärtig eine Pause eingelegt, und wir wünschen uns sehr einen Neustart. Dann ist da das Forum der Vielfalt, eine Projekt der Stadt, um die vielen Kulturen in unserer Stadt zusammen zu führen. Dort sind auch wir als Kirchen vertreten. Und nicht zuletzt wäre der Runde Tisch für Toleranz und Demokratie zu nennen, wo sich über alle Unterschiede hinweg Menschen verschiedenen Glaubens und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen eben für Toleranz und Demokratie in Neumünster gemeinsam einsetzen.

Die Situation zwischen der Türkei und Deutschland ist angespannt. Es wird befürchtet, dass auch hier Konflikte offen ausgetragen werden könnten. Welche Möglichkeiten sieht die Kirche, hier einzugreifen?
In der Tat erleben wir auch als Kirchen diese Spannungen teilweise hautnah; nicht so sehr solche zwischen Deutschstämmigen und den Türkischstämmigen, aber unter den türkischstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Oft geht es um die Haltung zur Politik des türkischen Präsidenten oder um die Kurdenfrage. Unsere Möglichkeiten als Kirche sind da sehr begrenzt. Seitens der türkischstämmigen Gemeinschaft möchte man da nach meinem Eindruck auch keine Einmischung von außen. Ich kann nur immer wieder sagen, dass wir in jeder Form gern mithelfen wollen, solche Spannungen in unserer Stadt abzubauen, wenn man uns dazu braucht.

Stichwort Friedhöfe: Immer weniger Menschen lassen sich heute klassisch beerdigen. Stirbt der Friedhof in seiner heutigen Form aus?
Nein, das kann man so überhaupt nicht sagen. Unsere Friedhöfe sind unverzichtbare Orte der gemeinsamen Trauer und des öffentlichen Gedenkens. Sie verändern sich, so wie sie sich über alle Zeiten hinweg verändert haben. Aber tatsächlich: die klassische Erdbestattung wird immer seltener; Urnenbestattungen, Seebestattungen und die Nutzung von Friedwäldern nehmen immer mehr zu. Der Kirchengemeindeverband Neumünster, ein Zusammenschluss der evangelischen Stadtgemeinden, ist Träger der Friedhöfe in unserer Stadt. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden auf unseren Friedhöfen unter der Leitung von Herrn Lang steuert man da sehr engagiert und kreativ durch die Zeiten des Wandels. Dies geschieht zum Beispiel mit ansprechenden Grabanlagen wie dem neuen Grabfeld „Seelenfrieden“, mit guten Dienstleistungen für die Friedhofsbesucher und vielem mehr.

Aber Sie haben recht: Unsere Friedhöfe werden noch deutlicher ein wirtschaftliches Problem bekommen. Weil das Friedhofswesen aber eigentlich eine städtische Aufgabe ist, sind wir da mit der Stadt Neumünster im Gespräch über mögliche Lösungen. Gerade bei der Sanierung der Friedhofsmauer haben wir da gut zusammengearbeitet.

Gerade auf dem Südfriedhof nehmen die Fälle von Diebstahl und Vandalismus stetig zu. Welche Maßnahmen wollen Sie dagegen ergreifen? Gibt es bald bewachte Friedhöfe?
Das ist wirklich sehr ärgerlich und traurig, vor allem für die Angehörigen, denen damit auch seelischer Schmerz zugefügt wird. Man könnte sagen: Was hier passiert, das sind nicht „nur“ Diebstähle, sondern Gemeinheiten, ist gewissenloses Handeln, und hierfür ist kein Zaun hoch und keine Bewachung intensiv genug. Wir gestalten unsere Friedhöfe besonders. Sie sind ja Orte des Gedenkens für jedermann. Menschen sollen bei uns Zuversicht und Hoffnung finden und Kraft tanken können. Zu offensichtliche Sicherheitsmaßnahmen verbieten sich da von allein. Helfen kann nur eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei und die Wachsamkeit aller, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten.

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