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Flüchtlinge : Willkommensgrüße auf dem Bahnhof

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

410 Flüchtlinge kamen gestern Morgen mit dem Zug aus Bayern in Neumünster an / Helfer und OB sprachen den Menschen Mut zu

Neumünster | Erst sollten sie um 1.30 Uhr in der Nacht kommen, dann um 3 Uhr früh, schließlich war es 6.30 Uhr, als der Fernzug aus Bayern nach stundenlanger Verspätung endlich auf dem Bahnsteig einlief: 410 erschöpfte Menschen – Männer, Frauen und Kinder – drängten aus den Zügen und wurden dort von Mitarbeitern der Landesunterkunft für Ausländerangelegenheiten, aber auch von zahlreichen freiwilligen Helfern in Empfang genommen, die den Flüchtlingen Mut machen wollten.

Allein rund 20 Ehrenamtliche der Facebook-Initiative „Hilfe für die Flüchtlinge in Neumünster“ verteilten Getränkeflaschen und Obst an die Menschen und drückten den Kleinen Spielzeuge und Kuscheltiere in die Arme. Von den zunächst verunsicherten Eltern bekamen sie dafür dankbare Blicke. Auch die im Bahnsteigtunnel aufgehängten Plakate „Flüchtlinge willkommen – Refugees welcome“ halfen offenbar, dass sich die Mienen der völlig übermüdeten Menschen entspannten.

Unter den Offiziellen, die die Ankunft verfolgten, waren auch Innenminister Stefan Studt und Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras, der selbst einigen Flüchtlingen auf dem Bahnsteig Mut zusprach und die demonstrativen Willkommensgrüße der Neumünsteraner ausdrücklich lobte. Er sei tief beeindruckt, dass sich in der Nacht so viele freiwillige Helfer am Bahnhof eingefunden hätten, um die ankommenden Flüchtlinge willkommen zu heißen, sagte Tauras.

Die Ankunft der 410 Flüchtlinge, die tagelang in Ungarn festgesessen hatten, ist die bislang größte Massenankunft in der zentralen Aufnahmestelle am Haart an einem Tag. Überwiegend handelt es sich um junge Männer und Familien, die getrieben vom brutalen Bürgerkrieg in Syrien, ihre Heimat verlassen haben. Die Menschen wurden vom Bahnhof mit Bussen in die Landesunterkunft am Haart gebracht, wo sie registriert und medizinisch betreut werden. Um Platz für die Neuankömmlinge zu schaffen, waren noch im Verlauf des Sonntags rund 130 Menschen von der Aufnahmeeinrichtung am Haart in die neue Außenstelle nach Boostedt verlegt worden (siehe Bericht auf Seite 12).

Rund 3000 Flüchtlinge waren gestern Mittag in der Landesunterkunft. Die Situation ist weiter angespannt. In den neuen Modulhäusern, die für 400 Personen ausgelegt sind, leben 500 Menschen. Auch auf Feldbetten auf den Fluren der Gebäude müssen weiter über 100 Menschen ausharren. Das Technische Hilfswerk hat eine dritte Essensausgabe eingerichtet. Die Landespolizei unterstützt während der Essenszeiten, damit es nicht zu Drängeleien kommt. Im Landesamt wurden zusätzliche acht Plätze für die Registrierung eingerichtet. Ab heute unterstützt das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) das Deutsche Rote Kreuz mit einer sogenannten Untersuchungsstraße. In Bad Bramstedt wird in einer Turnhalle eine weitere Unterkunft eingerichtet, in die ebenfalls Flüchtlinge kommen sollen.

 

Standpunkt

Wohl wahr, der   scheinbar nicht endende Strom von Menschen, die aus schierer Verzweiflung ihre Heimat verlassen, um bei uns Zuflucht zu suchen, wird   uns alle vermutlich noch über Jahre vor gewaltige Aufgaben und Probleme stellen.

Um so ermutigender, dass sich offenbar auch die Neumünsteraner nicht von subtil gestreuten Ängsten und Vorurteilen bange machen lassen, sondern den Flüchtlingen offen entgegengehen. Die Hilfsorganisationen können sich vor Spenden für die in Not geratenen Menschen kaum retten. Und wer beobachtet hat, wie freiwillige Helfer die neu ankommenden Flüchtlinge gestern  Nacht auf dem Bahnhof begrüßt und versorgt haben,  darf wie der OB mit Recht stolz auf diese Stadt sein. Jetzt liegt es an der Politik,  die Weichen zu stellen, damit die  Stimmung für die Menschen in Not in unserer  Stadt nicht kippt. Dem Fremdenhass –  ob von Taxifahrern (siehe Seite 8 )   oder anderen –  dürfen wir keine  Chance bieten.

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erstellt am 08.Sep.2015 | 08:00 Uhr

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