Transplantation : Wie zwei Sechser im Lotto

Einen Sportpokal und ein stilisiertes Herz aus Ton hält Ingo Mruk in den Händen. Der 78-Jährige lebt dank eines fremden Herzens und hält sich mit Sport fit.
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Einen Sportpokal und ein stilisiertes Herz aus Ton hält Ingo Mruk in den Händen. Der 78-Jährige lebt dank eines fremden Herzens und hält sich mit Sport fit.

Ingo Mruk lebt seit 25 Jahren mit einem Spenderherz.

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03. April 2018, 11:00 Uhr

Neumünster | Am 16. April wird Ingo Mruk 79 Jahre alt. Seinen „zweiten Geburtstag“ feierte der Falderaner aber schon gestern am Ostermontag. Es war der 25. So lange lebt Ingo Mruk nämlich schon mit einem Spenderherz, das ihm am 2. April 1993 in der Kieler Uniklinik transplantiert wurde.

Eigentlich sollte er dort nur einen Bypass bekommen. Doch es gab Komplikationen. „Es löste sich ein großer Blutpfropf. Ingo erlitt einen sogenannten Hinterwandinfarkt, war schon fast weg“, erinnert sich seine Frau Rita Mruk an die dramatischen Ereignisse von damals.

Ingo Mruk wurde an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Ingo Mruk: „Die Lebenserwartung war damals sechs bis zehn Tage.“ Rita Mruk: „Ingo war praktisch klinisch tot.“ Zum Glück stand nach schon eineinhalb Tagen ein Spenderherz bereit. Ingo Mruk: „Das war ein großes Wunder.“ Die Ärzte sprachen von „zwei Sechsern im Lotto“, sagt Rita Mruk und ihr Mann ergänzt: „Das war für mich der Sechser mit Zusatz- und Superzahl. Seitdem muss ich nicht mehr Lotto spielen.“

Vier Wochen musste Mruk damals in der Klinik zur Beobachtung bleiben, dann ging es zur Reha nach Bad Malente. „Es verlief alles gut“, so Ingo Mruk.

Nach draußen durfte er nur mit einer Maske als Infektionsschutz. „Medikamente gegen Abstoßungsreaktionen und die Nebenwirkungen muss ich mein Leben lang nehmen“, sagt er.

Das Leben ist lebenswert. Mit dem Herzen hat Ingo Mruk keine Probleme – und das seit 25 Jahren! Alle fünf Monate geht es zur Kontrolluntersuchung, alle zwei bis drei Jahre ist eine Herzkatheter-Untersuchung nötig.

„Ich habe sogar noch fünf Jahre in meinem Beruf beim Straßenneubauamt Mitte an der Alemannenstraße gearbeitet“, sagt Ingo Mruk. Im Jahr 1999 ging er dann vorzeitig in Rente.

Fit hält ihn seit 25 Jahren der Sport. Ingo Mruk: „Ich sollte Herzsport machen und sah, dass die Behindertensportgemeinschaft, die das anbot, noch viele andere Sportarten im Programm hat.“ So kam er zum Bosseln, das ist eine Art Eisstockschießen in der Sporthalle. Dazu kamen der Kegelsport, das regelmäßige Training für das Sportabzeichen und der Radsport. Den hatte er schon als Schüler ausgeübt. Seit 19 Jahren ist Ingo Mruk der Pressewart bei der Behindertensportgemeinschaft Neumünster.

Drei Mal schon nahm Ingo Mruk an den Europäischen Spielen der Herz- und Lungentransplantierten teil, zuletzt 2012 im niederländischen Appeldoorn. Ingo Mruk war dort der beste männliche Sportler und gewann einen Wanderpokal und einen persönlichen Pokal.

Zum Tagesablauf gehört seit 25 Jahren ein abendliches Ritual. Ingo Mruk macht dann eine kleine Andacht im Gedenken an das neue Leben. Er entzündet ein Teelicht in einem selbstgetöpferten Kerzenhalter, der ein stilisiertes Herz darstellt. Es trägt die Aufschrift „Das zweite Herz durch HTP (Herztransplantation) 02/04/93“. Ingo Mruk: „Ich werbe bei jeder Gelegenheit, etwa auf der Gesundheitsmesse, für den Spenderausweis.“

Organtransplantation ist ein Wettlauf gegen die Zeit

Neumünster/Kiel  Dass ein Patient 25 Jahre mit einem transplantierten Herzen gut lebt, wertet  auch  der Kieler Professor Felix Braun,  geschäftsführender Oberarzt am Transplantationszentrum, durchaus als beachtlichen Erfolg.   Aber für den Experten vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel ist  dieser immense Zeitraum  weder Hexenwerk noch Wunder.

„Die Transplantationsmedizin ist eine vergleichsweise junge  Technik. Erfolge zeigen sich im Langzeitverlauf. Wir erleben zunehmend, dass  Menschen mit transplantierten Organen ähnlich lange Transplantatüberlebensraten aufweisen“, so der Mediziner. Er selbst geht davon aus, dass die  Patienten  eine normale Lebenserwartung haben.  Ausschlaggebend für den positiven Verlauf sind laut  Felix Braun immer die Krankengeschichte und die Qualität des zu transplantierenden Organs.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Quantität und Qualität der Organe. Weil in Deutschland immer weniger Spenderorgane zur Verfügung stehen, sind wir zunehmend auf Spenderorgane aus den Nachbarländern im Eurotransplantverbund angewiesen.  Eurotransplant ist   eine 1967   gegründete Stiftung mit Sitz in Leiden (Niederlande). Sie ist die Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, Deutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn.  Doch je weiter der Weg ist, den ein  passendes Herz vom Spender bis zum Empfänger zurücklegen muss, desto geringer sind letztendlich die Erfolgsaussichten.  Denn den Medizinern steht nur ein sehr begrenztes Zeitfenster  zur Verfügung. Diese  sogenannte kalte  Ischämiezeit ist   die Dauer, in der ein entnommenes Organ bei entsprechender Lagerung in rund vier Grad  kalter Konservierungslösung transportiert und beim Organempfänger eingesetzt und wieder durchblutet sein muss, damit sichergestellt ist, dass dieses Organ keinen Schaden nimmt und wieder einwandfrei funktioniert. Bei einem Herz sind das maximal vier bis sechs  Stunden.  Hierbei gilt, je kürzer die Zeit des Spenderorgans außerhalb des Körpers, umso besser ist der Funktionserhalt nach der Transplantation. Oft können die Transplantations-Experten am UKSH, Campus Kiel diesen Wettlauf mit der Zeit nur deswegen gewinnen, weil sie Organe zeitnah direkt über den  Kieler Flughafen einfliegen lassen können.  Doch genau dieser Flughafen steht zurzeit zur Disposition.   „Fliegen oder Wohnen?“ heißt es am  6. Mai, wenn  in Kiel per  Bürgerentscheid  über die Zukunft des Verkehrslandeplatzes  abgestimmt wird.   Viele Patienten,  die zurzeit gemeinsam mit ihren Ärzten auf ein Organ – nicht nur auf ein neues Herz –  warten,   hoffen auf den Erhalt des Flughafens.  Im Jahr 2017 wurden in Kiel 21 Organtransport-Flüge  gezählt, 2016 waren es 26.                                            (mor)

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