zur Navigation springen

Historie : Wie die Anscharkirche ihren Schatz fand

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In einem Archiv-Keller lag ein längst vergessener Karton mit uralten Reliquien. In einer Bombennacht war 1945 vieles zerstört worden

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2014 | 07:30 Uhr

Neumünster | Pastor Stefan Bemmé spricht von „einer Art göttlicher Fügung“: Wenige Tage vor dem 100. Geburtstag der Anscharkirche entdeckte die Archivarin Sibylle Radtke-Kaak in einem Archiv-Keller unweit der Kirche einen unscheinbaren, gelben Karton, der offenbar lange Zeit niemandem aufgefallen war. Der Inhalt brachte nicht nur Bemmé und seine Kollegin Angelika Doege-Baden-Rühlmann, sondern die gesamte Gemeinde bis hin zu Propst Stefan Block aus dem Häuschen: Zutage kamen alte Silberstücke, Dokumente und ein Schlüssel – der Silberschatz von Anschar.

Pastorin Angelika Doege-Baden-Rühlmann recherchierte und stieß auf erstaunliche Erkenntnisse: Die meisten Fundstücke stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Fertigstellungsjahr der Kirche 1913. Beim Bombenangriff auf Neumünster am 25. Oktober 1944 wurde vieles zerstört. Erhalten sind ein Aufsatz und ein Henkel einer Taufkanne sowie Relikte für das Abendmahl. Besonders schön erhalten ist ein Teller für das Brot und ein heute im Gottesdienst kaum noch verwendeter Löffel mit Löchern. Mit ihm fischte man damals den Kork aus dem Wein. „Die Gegenstände wurden zu ihrem Schutz in einem Tresor in der Anscharkirche aufbewahrt. Aber die Temperaturen von bis zu 1500 Grad beim Brand nach dem Bombenangriff hat der Panzerschrank nicht überstanden. Die Stücke schmolzen einfach“, sagt Stefan Bemmé.

Doch die Geschichte geht weiter. Die beiliegenden Dokumente in dem Karton gaben Aufschluss über die Herkunft des Schatzes. „Der Abendmahl-Kelch wurde bei dem Brand zerstört. Gemeindemitglieder sammelten aber Silberstücke aus dem Schutt der Kirchenruine. Nach Kriegsende schickte der damalige Pastor Haase rund ein Kilo Silberstücke in die Schmiede Uwe Bläse, damit daraus ein neuer Kelch geformt werden konnte. „Doch die Schmiede schickte diese Teile zurück, weil sie nicht genug oder nicht den richtigen Silberanteil hatten“, erklärt Angelika Doege-Baden-Rühlmann. Laut der Dokumente wurden daraufhin 250 Gramm Silber nachgeliefert, ehe der Kelch fertiggestellt werden konnte. Wo er sich heute befindet, ist noch unklar. „Wir geben die Hoffnung aber nicht auf, ihn noch zu finden. Wer Hinweise geben kann, darf sich gerne an die Anschargemeinde wenden“, sagt Angelika Doege-Baden-Rühlmann. Die Herkunft des Schlüssels konnte die Pastorin erforschen. Es ist der symbolische Schlüssel, den der Architekt nach dem Wiederaufbau der Kirche 1951 dem damaligen Pastor überreichte.

Für sie und ihren Kollegen ist der Fund ein berührendes Zeichen dafür, wie unzerstörbar letztlich die Anscharkirche die Jahrzehnte überdauert hat. „Sie trägt die Narben der Geschichte mit Stolz. Das ist es, was Anschar stark macht“, sagt Stefan Bemmé.

Der Silberschatz bekommt nun wieder seinen Platz in der Kirche. Im Gottesdienst am 16. November soll er der Öffentlichkeit vorgestellt und dann dauerhaft ausgestellt werden.

Mit Blick auf drei Einbrüche in jüngster Zeit in das Gotteshaus betont Pastor Stefan Bemmé aber: „Die Fundstücke haben einen großen ideellen, aber keinen großen materiellen Wert.“ Das hat der Kunstsachverständige der Nordkirche nach gründlicher Untersuchung bestätigt.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen