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Wie aus der Alten wieder eine alte Dame wurde

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Sie saß am Fenster ihres Zimmers und schaute hinaus auf den Regen, der unaufhörlich herunterkam. Ihre Gedanken wanderten – wieder einmal – kreuz und quer.

Wenn sie an die anderen Heimbewohner dachte, schüttelte es sie. Lauter Alte, die kaum miteinander redeten. Und wenn, dann ging es um die diversen Krankheiten und darum, dass man lieber heut’ als morgen sterben möchte.

Es lohnte sich also gar nicht, Kontakt aufzunehmen. Was sollte das Leben noch? Für alles und jedes brauchte man fremde Hilfe und das war auch nicht immer das Wahre. Die Helferinnen waren oft nicht sehr freundlich. Und was sie für Ausdrücke hatten. Das gab es früher nicht.

Ach ja, früher. Und auf einmal waren die Gedanken woanders. Früher, das war die Zeit der Jugend und des Erwachsenwerdens. Das war die Zeit, in der man einen Beruf erlernte und ausübte. Bis der „Eine“ kam. Dann kamen die Heirat und das eigene Heim. Und dann starb der Mann und sie blieb ganz alleine in der großen Wohnung zurück. Bis sie schließlich so viel fremde Hilfe brauchte, dass sie ins Heim musste. Und nun saß sie hier, schaute in den Regen und wartete.

Und da machte es bei ihr mit einem Mal innerlich „Bum“. Irgendetwas geschah in ihr, als sie über das „Warten“ nachdachte. Es grummelte in ihr. Worauf wartest du eigentlich? Auf das ewige Einerlei von Frühstück, Mittagessen, Kaffee und Kuchen und schließlich Abendessen? Ist das noch Leben? Oder wartest du auf den Tod, dessen Kommen du doch nicht beeinflussen kannst? Und sie gab sich innerlich einen Ruck. Ein Leben lang war sie aktiv gewesen, hatte sich mit vielen Problemen rumschlagen müssen. Und jetzt? Schluss mit dem Trübsalblasen. Es müssen neue Aktivitäten her!

Zwei Tage später bat sie die Heimleitung um ein Gespräch. Die kam mit gemischten Gefühlen. „Was die Alte wohl wieder zu nörgeln hat?“ Eine Stunde später ging sie fröhlich und nachdenklich zugleich wieder in ihr Büro. Die „Alte“ hatte ihr zunächst einmal klar gemacht, dass die Heimbewohner zwar alt und manchmal ein wenig tüdelig sind, aber doch immer noch Anspruch darauf haben, dass das Personal ihnen trotz aller Hektik des Alltags würdevoll begegnet.

Aber was dann kam, verschlug der Heimleitung die Sprache. Man sollte damit aufhören, die alten Leute nur irgendwie mit Kaffeetrinken und Spielchen spielen zu beschäftigen. Warum – nur um ein Beispiel zu nennen – ermuntert man sie nicht, ihr Leben zu erzählen? Einer nach dem anderen. Jeden Tag eine oder einer. Vielleicht sogar vor fremden Leuten? Und so kamen noch einige andere Vorschläge. Aus der „Alten“ war wieder eine alte Dame geworden. Vergessen waren alle Gedanken an die Sinnlosigkeit des Lebens. Nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen Mitbewohnern.

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erstellt am 27.Nov.2014 | 10:32 Uhr

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