zur Navigation springen

Berichte über Anwerbeversuche in Neumünster : Werben Salafisten in SH um Flüchtlinge? Behörden prüfen Vorfälle

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Flüchtlinge berichten von mehreren Kontakten in der Innenstadt von Neumünster und der Erstaufnahme am Haart. Behörden prüfen mögliche Aktivität von Islamisten in Erstaufnahmen.

Neumünster | Die Nachricht klingt alarmierend: In einer Reportagereihe des ZDF berichteten Flüchtlinge aus der Erstaufnahmestelle am Haart in Neumünster jetzt von mehrfachen Anwerbeversuchen von Salafisten. Sowohl innerhalb der Einrichtung als auch in der Innenstadt soll es eindeutige Gespräche gegeben haben.

Der Verfassungsschutz zählt im Norden mehr als 240 Personen zu den radikalislamistischen Extremisten. Als Hochburgen gelten neben Neumünster auch Kiel, Lübeck und Flensburg sowie der Hamburger Rand mit Pinneberg, Elmshorn und Norderstedt.

Dem Verfassungsschutz liegen Hinweise vor, „dass Salafisten in Kontakt zu Flüchtlingen stehen“, wie Innenmininsteriumssprecher Patrick Tiede am Donnerstag sagte. „Die Anzahl solcher Fälle bewegt sich im niedrigen zweistelligen Bereich.“ Der Staatsschutz gehe entsprechenden Hinweisen nach.

 „Wenn Flüchtlinge in Schleswig-Holstein offen gefragt werden, ob sie für die Terrororganisation Islamischer Staat in den Krieg ziehen wollen, ist das Maß voll“, sagte CDU-Fraktionschef Daniel Günther am Donnerstag. Er forderte, „wer Menschen aus Deutschland für Terrororganisationen in den Krieg schicken will, muss unser Land sofort verlassen“. Innenminister Stefan Studt (SPD) müsse schärfer gegen salafistische Organisationen vorgehen und deren Verbote anstreben. „Damit werde deren Finanzströme ausgetrocknet und ihre Kommunikationsstrukturen zerschlagen.“

Ein Stützpunkt von radikalen Islamisten soll demnach ein Handy-Laden in der Innenstadt sein. Das Geschäft soll laut ZDF dem Imam der hiesigen salafistischen Gemeinde gehören. Die Moschee wird schon lange vom Verfassungsschutz beobachtet.

Nach Angaben des Innenministeriums handelt es sich sowohl um einzelne Personen als um Vertreter salafistisch beeinflusster Moscheevereine. „Die Salafisten treten dabei häufig unter dem Deckmantel humanitärer Hilfestellung - wie etwa Sach- und Geldspenden oder Betreuung bei Behördengängen - mit den Flüchtlingen in Kontakt“, sagte Tiede. Es sei davon auszugehen, „dass die Salafisten im Rahmen dieser Kontakte versuchen, die Flüchtlinge für ihre Ideologie zu vereinnahmen“.

Sowohl in dem Geschäft als auch in der Moschee können Flüchtlinge offenbar leicht Kontakte knüpfen. Die Salafisten gehören zu den wenigen, die sie auf Arabisch ansprechen können, der Muttersprache vieler Flüchtlinge. Was dabei gesagt wird, schilderte ein syrischer Asylbewerber aus der Erstaufnahme dem Fernsehteam: „Einer sagte: ‚Komm zu uns. Ich zeige Dir das Paradies‘“, berichtete er.

Hintergrund: Salafismus

Salafisten sehen sich als Verfechter eines aus ihrer Sicht ursprünglichen und unverfälschten Islams, so wie er vom islamischen Propheten Muhammad und den ersten Muslimen („al-salaf al-salih“ / den rechtschaffenden Altvorderen) praktiziert worden sei. Salafisten sehen ausnahmslos die Bestimmungen des Korans und der Sunna (Prophetentradition) als verbindlich an – eine sehr radikale islamistische Ausprägung.

Laut Angaben des Sicherheitsministeriums geht von Salafisten eine besondere Gefährdung für die Sicherheit Deutschlands aus. Dabei gibt es zwei Strömungen des Salafismus, eine, die Gewalt ablehnt und eine, die Gewalt befürwortet. Beide beziehen sich jedoch auf dieselben Autoritäten und Vordenker.  Ideologie, politische und gesellschaftliche Ziele sind in beiden Strömungen gleich.

In dem Handy-Laden wurde ein anderer Flüchtling angesprochen. „Sie sagten: ,Warum bist Du hier und kämpfst nicht in Syrien für den IS? Du kannst Deine Familie in die Türkei bringen. Da ist sie sicher. Und Du kannst in Syrien für den Islamischen Staat kämpfen’“, sagte der Asylbewerber dem Fernsehteam.

Ein anderer Mann berichtete aus der Erstaufnahmestelle am Haart: „In unserem Lager geben sich einige als syrische oder arabische Flüchtlinge aus. In Wirklichkeit sind das Isis-Kämpfer. Sie wollen keinen Frieden. Sie wollen einfach nur Gewalt. Das sind gefährliche Leute“, sagte er.

Fazli Tuncer von der Islamischen Gemeinde Neumünster sieht in den radikalen Islamisten ein ernsthaftes Problem: „Das ist eine Gefahr für uns alle. Nicht nur für uns als Muslime“, sagte er.

Die jüngsten Berichte der Flüchtlinge aus Neumünster erinnern an Vorfälle von Ende September. Damals hatten Asylbewerber in Putlos (Ostholstein) ihren Betreuern ähnliche Kontakte geschildert. Zeitgleich wurden damals jeweils ein Fall aus Neumünster und einer aus Kiel bekannt, wo von außen versucht wurde, Personen für Moscheen zu umwerben.

FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki bezeichnete die Berichte als besorgniserregend. „Wir dürfen nicht zulassen, dass in Schleswig-Holstein IS-Kämpfer für den sogenannten ,Heiligen Krieg‘ gewonnen werden“, sagte er. „Deshalb müssen wir mit allen Mitteln des Rechtsstaates schon die Entstehung von entsprechenden Rekrutierungsfeldern unterbinden.“ Notwendig sei nicht erst vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris eine personelle Aufstockung des Verfassungsschutzes.

Günther forderte zugleich die Wiedereinführung einer Strafbarkeit der Sympathiewerbung für terroristische Vereinigungen. „Unsere Gesellschaft darf sich diese Rekrutierungsversuche nicht gefallen lassen. Schon die Werbung für Organisationen wie den IS oder Al-Kaida muss unter Strafe gestellt werden“, sagte Günther. Das erleichtere zugleich die „Ausweisung dieser Menschenfänger“.

zur Startseite

von
erstellt am 26.Nov.2015 | 13:35 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert