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Milchkrise : „Wenn ich den Stall betrete, zahl’ ich drauf“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Etwa 15 Landwirte leben im Raum Neumünster vom Milchvieh – und leiden unter dem ruinösen Preisverfall.

von
erstellt am 31.Mär.2016 | 08:00 Uhr

Neumünster | Landwirt Hans-Joachim Riepen liebt seinen Beruf – und dennoch fällt es ihm derzeit schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Schlimmer noch, die Motivation ist angeknackst, wie der 58-jährige Tungendorfer unumwunden einräumt: „Wenn ich morgens den Kuhstall betrete und die Arbeit aufnehme, weiß ich, dass ich keinen Cent verdiene, sondern draufzahle – das spornt einen nicht gerade an!“

Der Frust ist nachvollziehbar: Riepen ist einer von (noch) etwa 15 Landwirten, die im Raum Neumünster von der Milchwirtschaft leben – seit dem scheinbar unaufhaltsamen Absturz des Milchpreises eher schlecht als recht. Russland-Embargo, China-Krise , aber auch die Abschaffung der Milchquote zum Sommer vergangenen Jahres haben die Preise für die Hersteller in den Keller rauschen lassen. Der erbitterte Preiskampf der Einzelhandelsgiganten erhöht dabei noch den verhängnisvollen Druck auf die Produzenten. Mit Milch kann derzeit kein Bauer im Land etwas verdienen.

Riepen rechnet vor: 25,5 Cent (plus Mehrwertsteuer) zahlt ihm seine Molkerei derzeit für den Liter Milch. Das ist vergleichsweise noch ein guter Preis – andere Molkereien im Umkreis zahlen nur noch 23 Cent – aber Riepen hilft das nicht wirklich. Auf 29 Cent veranschlagt er seine Erzeugerkosten pro Liter. Soll heißen: Mit jedem produzierten Liter Milch macht der Tungendorfer einen Verlust von 3,5 Cent, und das seit geschätzt acht Monaten. Genau lässt sich das nicht berechnen, weil viele seiner Investitionen saisonabhängig seien, wie Riepen erklärt. So stünden etwa die Hauptausgaben für Futter, Saatgut oder Dünger erst noch bevor. „Ein bisschen fühle ich mich wie ein Bauarbeiter, der jeden Morgen zur Arbeit geht und am Monatsende statt Lohn zu bekommen, einen Lohnabzug hinnehmen muss“, bringt der Landwirt seinen Frust auf den Punkt. Nur gut, dass er in den vergangenen Jahren nicht noch großartig investiert habe, sagt Riepen. Keines seiner vier Kinder will den seit 1850 im Familienbesitz befindlichen Hof später einmal übernehmen. „Erst war ich darüber etwas enttäuscht, aber heute könnte ich es ihnen guten Gewissens kaum empfehlen“, räumt der Landwirt ein, der den Hof selbst 1988 von seinem Vater übernommen hatte.

Dass der Hofbesitzer, der mit derzeit 75 Milchkühen eher zu den kleinen Familienbetrieben im Lande zählt, überhaupt über die Runden kommt, hat er neben seinen Rücklagen und unterstützenden Direktzahlungen aus der Agrarsubvention vor allem seinem zweiten Standbein zu verdanken: Etwa ein knappes Drittel seines Umsatzes erzielt Hans Joachim Riepen derzeit mit Ackerbau. Ein Ausgleich für den Preisverfall bei der Milch sei das allerdings nicht, zumal derzeit auch die Getreidepreise eher nach unten gingen, sagt Riepen.

Sollte es ganz hart kommen, würde er zur Not ein paar Hektar Land verkaufen, meint der Landwirt. Seine Kühe will er auf jeden Fall behalten. Riepen hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Milchpreiskrise doch noch in den Griff zu bekommen ist. „Mit Ackerbau allein würden wir nicht durchkommen“, meint der Landwirt; in normalen Zeiten sei die Milchwirtschaft auf den Geestböden einfach lukrativer.

Ein Patentrezept, wie die Milchkrise zu meistern ist, hat auch der Tungendorfer Landwirt nicht: Der einfachste Weg sei vielleicht, die Mengen über die Molkereien zu reduzieren, „vielleicht für einen begrenzten Zeitraum auch mit staatlicher Unterstützung“, schlägt Riepen vor.

Zu der Frage, wie viele seiner Kollegen aus dem Neumünsteraner Raum die Krise nicht überstehen könnten, will er sich nicht äußern. Aber: „Die Sorge ist allgegenwärtig.“

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