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Exotische Haustiere : Wenn die Boa Constrictor unter der Bettdecke auftaucht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr Menschen finden Gefallen an exotischen Haustieren. Doch weil die Besitzer mit der Haltung schnell überfordert sind, werden viele Tiere wieder ausgesetzt oder landen im Müll.

Es sollte ein Gute-Nacht-Gruß der besonderen Art werden: Als die junge Frau abends ins Bett gehen wollte und die Decke zurückschlug, blickte ihr eine große Boa Constrictor entgegen. Ihr Freund hatte sich einen Scherz erlaubt und das Tier im Schlafzimmer deponiert. Doch der Spaß ging nach hinten los – die Frau alarmierte die Feuerwehr. Die Retter kamen und konnten das Tier in Sicherheit bringen. Doch wohin mit der Schlange? Der Scherzkeks, der sie sich aus dem Internet besorgt hatte, wollte die Boa nach dem missglückten Streich nicht mehr haben.

Wie so viele ihrer Artgenossen, landete sie schließlich im Tierpark Neumünster. „Wir werden hier überrannt von Leuten, die ihre Schlangen wegwerfen“, sagt Verena Kaspari, Leiterin des Tierparks. Insgesamt 60 Fundtiere leben hier – von der Königspython bis zur Landschildkröte.

Immer wieder werden in Schleswig-Holstein exotische Tiere ausgesetzt. 2003 wurden in Nordfriesland zwei Leguane aus dem Auto geworfen. 2009 wurde in der Nähe von Malente eine Schnappschildkröte neben einem Fußballplatz gefunden. 2012 entdeckte ein Jogger in einem Wald in Lensahn eine 1,30 Meter lange Königspython, völlig apathisch und mehr tot als lebendig. In Warnau fand eine Spaziergängerin auf einem Wanderweg eine zwei Meter lange Python.

Verena Kaspari leitet den Tierpark in Neumünster.
Verena Kaspari leitet den Tierpark in Neumünster. Foto: Vaquette
 

Exotische Haustiere sind im Trend. Besonders beliebt sind Schlangen, Echsen und Schildkröten, aber auch Papageien oder giftige Frösche finden sich in immer mehr heimischen Wohnzimmern. Zur Zeit sind in Schleswig-Holstein etwa 3600 Reptilien- und rund 2800 Schildkrötenhalter registriert. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, weil es für viele „exotische“ Haustiere keine Meldepflicht gibt. Ausnahme sind einige besonders gefährdete Arten. Dazu gehören zum Beispiel Landschildkröten, Chamäleons oder Würgeschlangen. Bei den meisten Arten jedoch reicht der Gang in die Zoohandlung.

Das Problem daran: Die Besitzer unterschätzen oft, wie aufwendig die Haltung solcher Tiere sein kann. Reptilien oder Schlangen haben nicht nur spezielle Bedürfnisse, sondern kosten auch nach der Anschaffung eine Menge Geld. Wird den Haltern der Spaß dann zu teuer oder sind sie mit den Tieren überfordert, setzen sie sie aus, lassen sie verhungern oder werfen sie einfach in den Müll.

Mit Glück werden die Tiere rechtzeitig gefunden oder direkt im Tierheim abgegeben. Doch gerade bei exotischen Arten wie Schlangen oder Agamen sind die Tierheime oft überfordert. In solchen Fällen helfen Zoos und Tierparks aus, die Erfahrung in der Haltung solcher Arten haben.

Tierpark Neumünster kann sich vor Funtieren kaum noch retten

Im Tierpark Neumünster gibt es einen extra Trakt nur für Fundtiere. In Dutzenden Terrarien, die sich bis unter Decke stapeln, sieht man Kornnattern, Königspythons und Boas zusammengerollt unter Rotlichtlampen dösen. Auf einem Regal reihen sich viele kleinere Terrarien Dutzenden von mit haarigen Spinnen aneinander. In einem anderen Raum sind zehn Chinchillas untergebracht, die alle abgegeben wurden – weil die Besitzer allergisch geworden sind oder sie aus der Nager-Notaufnahme in den Tierpark gebracht wurden.

Die Räume für die Fundtiere platzen inzwischen aus allen Nähten. „Wir wissen schon gar nicht mehr, wo wir die Tiere alle unterbringen sollen“, sagt Kaspari. Gefunden wurden sie zum Teil an den absurdesten Orten. Eine Kornnatter lag in der Getränkeabteilung eines Supermarktes in Neumünster, eine andere am Südbahnhof, und eine Königspython wurde im Park nahe des Wasserturms entdeckt. Etliche Tiere hat Kaspari auch auf dem Sperrmüll gefunden. „Es ist erschreckend, wie viele Schlangen wir hier schon zwischen den Möbeln und Kartons gefunden haben“, sagt sie. Zwar hat auch der Tierpark ein Schlangenhaus, doch die Exoten werden aus gutem Grund nicht zusammen mit den anderen Bewohnern untergebracht. „Die meisten Tiere sind in sehr schlechter Verfassung, wenn sie zu uns kommen“, sagt die Expertin. „Einmal“, erzählt sie, „brachte ein Mann zwei Kornnattern vorbei, weil sein Sohn sich nicht mehr um sie gekümmert hatte. Die Tiere waren abgemagert und fast verhungert – und das dauert echt lange bei einer Schlange.“

Der Raum für Fundtiere im Tierpark Neumünster ist voll.
Der Raum für Fundtiere im Tierpark Neumünster ist voll. Foto: Ruff
 

Die Bartagame hingegen, die jetzt im Eingangsbereich des Tierparks in einem Terrarium lebt, war bei ihrer Ankunft so stark übergewichtig, dass sie sich fast nicht bewegen konnte. „Wahrscheinlich haben die Besitzer ihr jeden Tag eine Heuschrecke geben“, vermutet Kaspari, „dabei fressen die sonst nur zweimal pro Woche.“ Auf den Kosten für die Pflege, die Haltung und den Tierarzt bleibt der Park meist sitzen. Im Fall der Boa, die als Scherzartikel im Bett der Freundin herhalten musste, ist noch immer nicht geklärt, wer für die Kosten aufkommt.

Eine Königsboa aus Wrist für 140 Euro

Wer sich eine Schlange, eine Schildkröte oder einen anderen Exoten halten will, geht entweder in den nächsten Zoohandel oder bestellt sie im Internet. Eine Genehmigung oder einen Nachweis braucht man dafür in der Regel nicht. Auch die Preise sind erschwinglich. Bei Ebay wird eine Königsboa aus Wrist angeboten, für 140 Euro VB. Eine totale „Anfänger-Schlange“, schreibt der Verkäufer in der Anzeige, sehr einfach in der Haltung. Nur bei Kleinkindern im Haushalt sei ein gut gesichertes Terrarium ein „Muss“. Dass das Tier bis zu drei Meter groß und bis zu 75 Kilogramm schwer werden kann, wird nicht erwähnt. Auch nicht, dass Schlangen problemlos 30 Jahre alt werden können. Viele Käufer sind sich darüber nicht im Klaren. „Wir sehen das mit großer Sorge“, sagt Verena Kaspari. „Es muss einfach ein sinnvoller Sachkundenachweis gefordert werden, wenn Menschen sich solche Tiere kaufen wollen.“

Auch Rüdiger Albrecht vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume hält so einen Sachkundenachweis für sinnvoll. Allerdings sieht er Schwierigkeiten in der Umsetzung. „So etwas zu organisieren ist sehr schwierig“, sagt der Artenschutz-Experte. „Wer vergibt solche Nachweise? Und wer kontrolliert das am Ende?“ Zwar führt das Landesamt schon jetzt Kontrollen bei Haltern durch – allerdings nur, wenn es Hinweise aus der Nachbarschaft oder dem Bekanntenkreis gibt, dass Besitzer ihre Tiere nicht artgerecht halten.

Um eine gesetzliche Grundlage für den Artenschutz zu schaffen, müsse eine Änderung des Tierschutzgesetzes erfolgen. Mit einem generellen Haltungsverbot von gefährdeten Arten hingegen, bestrafe man die Falschen. „Das wäre unfair für alle Tierhalter und Reptilien-Experten, die sich wirklich gut mit den Arten auskennen.“ Solche Experten, zum Beispiel aus Reptilien-Vereinen, werden häufig sogar von Zoos und Tierparks um Rat gefragt, wenn es um die Haltung besonders seltener Arten geht. Solch eine Aufklärungsarbeit scheint bisher ein wirksames Mittel in Sachen Artenschutz gewesen zu sein. „Es hat sich in den letzten Jahren schon Vieles verbessert, vor allem bei der Information über Tierhaltung“, sagt Albrecht.

„Wo kaufe ich einen Nasenbären?“

Doch nicht nur die fehlende Sachkenntnis bei der Haltung von Tieren ist ein Problem – auch der illegale Handel mit gefährlichen oder geschützten Arten. Verena Kaspari weiß das aus eigener Erfahrung. Immer wieder melden sich Menschen bei ihr, die sich für seltene Tiere interessieren. „Eine Frau hat uns angerufen, weil sie einen Nasenbären kaufen und von uns wissen wollte, wo sie den am besten herkriegt.“

Im Trend scheinen außer giftigen Schlangen oder Fröschen auch Landschildkröten zu sein. In Neumünster sind zur Zeit über 30 solcher Exemplare in Obhut, fast alle wurden von Haltern im Tierpark abgegeben. Die niedlichen kleinen Schildkröten wachsen schnell und können je nach Art über einen Meter groß werden. „Die Leute sind dann immer total überrascht, dass die Tiere so riesig werden können“, sagt Verena Kaspari.

Wenn die Biologin vor den ganzen Terrarien im Fundtier-Raum steht, kommt manchmal richtige Wut in ihr hoch. „Es ist unglaublich, wie die Menschen mit den Tieren umgehen.“ Trotzdem ist sie fast schon froh darüber, dass die Leute die Tiere direkt im Tierpark abgeben. Bei den hiesigen Temperaturen hätten vor allem die Reptilien sonst kaum eine Chance zu überleben. „Wenn sie einfach weggeworfen werden, ist das fast immer das Todesurteil.“

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erstellt am 01.Nov.2015 | 13:24 Uhr

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