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150 Meter bis zum Zug : Weite Wege für Behinderte auf dem Bahnhof

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der barrierefreie Wagen hängt jetzt am Ende der Züge und damit weit weg von den Fahrstühlen. Ursache: In Einfeld ist der Bahnsteig zu kurz

Neumünster | Inge Schröder (79) ist eine reiselustige Seniorin und eigentlich eine begeisterte Bahnfahrerin. Doch die Deutsche Bahn verleidet der schwerbehinderten Frau mit einer neuen Wagenreihung in den Regionalexpresszügen von Hamburg nach Kiel ihre Touren und Ausflüge.

„Früher war gleich der erste Waggon hinter der Lok behindertengerecht. Und der hielt immer ganz in der Nähe der Aufzüge, das war sehr hilfreich. Jetzt hängt der Waggon ganz hinten, und ich muss vom Fahrstuhl bis ganz nach hinten laufen, etwa 150 Meter. Das betrifft natürlich auch alle Mütter mit Kinderwagen“, schimpft Inge Schröder.

Sie ist auf einen Rollator angewiesen und benutzt darum den Aufzug im Bahnhofsgebäude. „Manchmal bin ich ganz fertig, wir rennen uns die Hacken ab“, sagt Inge Schröder und weiß nicht, was die Bahn sich dabei gedacht hat. „Es bringt keinen Spaß mehr, Bahn zu fahren“, so Inge Schröder.

Das Problem gibt es nicht nur in Neumünster, sondern auch in Kiel und anderen Bahnhöfen auf der Strecke, weiß Gert Rathje, der Leiter der Bahnhofsmission: „Die Wege sind weiter geworden. Menschen mit Rollator haben Schwierigkeiten, es gibt Beschwerden“, sagt er.

Die Ursache für die neue Wagenreihung liegt in Einfeld: Hier ist der Bahnsteig zu kurz. „Im Frühjahr 2014 wurden die Regionalexpress-Züge zwischen Kiel und Hamburg-Hauptbahnhof von sechs auf sieben Doppelstockwagen verlängert“, erläutert Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis den Hintergrund. Dadurch stand in der alten Reihung der Steuerwagen mit dem behindertengerechten Mehrzweckabteil außerhalb des Bahnsteigs und war nicht mehr barrierefrei zugänglich.

„Die Barrierefreiheit ist aber laut Verkehrsvertrag an allen Halten gefordert. In Neumünster bedeutet das in der Tat etwas längere Wege“, begründet Bahnsprecher Meyer-Lovis, warum die Regionalexpresszüge gedreht wurden. Nur der Steuerwagen habe einen behindertengerechten Zugang und biete genug Platz für Rollatoren, Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder. Das Problem: Dieser Steuerwagen kann aus technischen Gründen nur vorn oder am Zugende angekoppelt sein, nicht aber irgendwo in der Mitte eines Reisezugs. Eine Lösung ist also nicht in Sicht.

 

Kommentar von Rolf Ziehm

Bahn in der Zwickmühle

Für die Deutsche Bahn ist es ein klassisches Dilemma. Sie hat die früher hoffnungslos überfüllten Regionalexpresszüge zwischen Hamburg und Kiel um einen Doppelstockwagen verlängert. Das schafft Platz und Entlastung für Pendler und alle anderen Reisenden.

Aber das schafft eben auch ein neues Problem: Die Wege für Behinderte, aber auch für Mütter mit Kinderwagen haben sich deutlich verlängert. Abhilfe könnten weitere Aufzüge am Bahntunnel zwischen Zob und Post/Friedrichstraße oder eine Verlängerung des Bahnsteigs im Einfelder Bahnhof schaffen. Aber das scheint unrealistisch, da viel zu teuer.

Bis sich der Inklusionsgedanke bei der Bahn durchgesetzt hat, also alle Bereiche im Bahnhof und alle Reisezugwagen barrierefrei geplant und gebaut und so für Behinderte wie Nichtbehinderte gleichermaßen problemlos zugänglich sind, wird es wohl noch einige Zeit dauern.

 

 
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erstellt am 14.Aug.2015 | 06:45 Uhr

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