zur Navigation springen

JVA-Bäckerei in Neumünster : Weihnachtskekse und Stollen hinter Gittern

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In der Bäckerei der Justizvollzugsanstalt haben die Mitarbeiter in der Weihnachtszeit alle Hände voll zu tun. Die Gefangenen vermissen ihre Familien in diesen Tagen besonders.

shz.de von
erstellt am 21.Dez.2016 | 08:30 Uhr

Neumünster | Eine warme Backstube, es duftet nach Zimt, Vanille und warmem Brot. Es gibt Ausstechformen, Keksteig und Stollen mit Rosinen und Puderzucker. Eine Weihnachtsbäckerei, wie man sie sich vorstellt. Allerdings befindet sich diese Bäckerei hinter Gittern. Der Holsteinische Courier durfte einmal hineinschnuppern.

Die Justizvollzugsanstalt (JVA) an der Boostedter Straße hat Platz für 596 Häftlinge und ist die zentrale Ausbildungsanstalt des Landes. Die Häftlinge können sich zum Tischler, Koch oder Elektriker ausbilden lassen – oder eben zum Bäcker. In der Bäckerei sind 14 Häftlinge beschäftigt, sechs davon machen eine Lehre. Wer hier arbeitet, bekommt etwa 300 Euro Gehalt. Davon können die Häftlinge einen Teil als Hausgeld nutzen, also im JVA-Supermarkt einkaufen. Der andere Teil soll angespart werden, um damit die erste Zeit nach der Freilassung zu überbrücken.

Zur Weihnachtszeit haben alle mehr zu tun als sonst. „Wir backen 800 Brötchen am Tag, in der Adventszeit kommen etwa 4000 Stollen dazu. Hauptsächlich werden sie an alle Justizvollzugsanstalten des Landes geliefert. Wir haben aber auch externe Kunden wie das Landgericht, das Amtsgericht und die Polizei. Sogar auf Weihnachtsmärkten sind wir vertreten. Kekse backen wir aber eher für uns und nicht für externe Kunden“, erklärte Bäckermeister Lars Heimann.

Die externen Kunden bereiten aber auch die meiste Zusatzarbeit. „Wir müssen Rechnungen schreiben und den Transport organisieren. In der Produktion sind wir aber so gut aufgestellt, dass das gut zu meistern ist. Die Häftlinge fangen um 5 Uhr mit ihrer Arbeit an und haben in der Regel gegen 12.30 Uhr Feierabend. Das ist sehr human“, erzählte Kai Meinke, einer von drei Ausbildern.

Florian Miller (Name geändert) ist seit 18 Monaten im Gefängnis. Die viele Arbeit in der Vorweihnachtszeit stört ihn überhaupt nicht. „Es ist etwas stressiger als sonst im Jahr, aber ich finde das gut. Ich bin froh, dass ich auch am zweiten Weihnachtstag arbeiten kann, das lenkt mich davon ab, dass ich meine beiden Töchter nicht sehen kann“, erzählte er. Der 31-Jährige sitzt wegen gewerbsmäßigen Betrugs für vier Jahre und acht Monate ein. Seit Juni arbeitet er in der Bäckerei.

Bäckermeister Lars Heimann lobt den jungen Mann. „Er ist unglaublich zuverlässig und hat eine tolle Auffassungsgabe. Wir hätten ihn gerne als Lehrling.“ Doch der Häftling hat andere Pläne. „Ich möchte nichts Handwerkliches machen. Vielleicht hole ich mein Abitur nach und studiere“, sagte er selbstbewusst. Für seine Familie hat er aus der Bäckerei aber trotzdem etwas mitgenommen. „In meiner Kindheit gab es keine weihnachtlichen Traditionen wie Kekse backen. Wir bekamen Geschenke, und das war es. Weihnachten war mir immer egal. Aber seit ich meine Töchter habe, ist mir das Fest wieder wichtiger geworden. Wenn ich wieder draußen bin, werde ich Heiligabend mit meiner Ex-Freundin und meinen Töchtern verbringen. Und natürlich vorher Kekse backen“, sagte der junge Vater.

Die meisten Inhaftierten sind wegen Drogendelikten oder Diebstahls verurteilt worden. „Das Klima hier ist aber freundschaftlicher als auf der Station. Wir machen auch mal Scherze, und hier wird jeder wie der Mensch behandelt, der er ist“, betonte Lars Heimann.

Das Miteinander ist vor allem in der Weihnachtszeit wichtig. Viele vermissen ihre Familien dann besonders stark. „Die Suizidrate ist vor den Festtagen besonders hoch, deshalb müssen wir gut aufpassen“, erzählte Ausbilder Kai Meinke.

Heiko Strausser (Name geändert) ist ebenfalls wegen Betrugs hinter Gittern. Er wurde zu vier Jahren und sieben Monaten verurteilt. Davon hat er bereits zwei Jahre und sieben Monate abgesessen. Der 36-Jährige entschied sich für die Ausbildung zum Bäcker in der Justizvollzugsanstalt. „Die Ausbildung gefällt mir. Auch der Berufsschulunterricht ist vernünftig, und ich fühle mich wohl“, betonte er. Die zusätzliche Arbeit in dieser Zeit findet er nicht so schlimm. „Sehr viel mehr ist es zur Weihnachtszeit auch gar nicht. Wir haben hier funktionierende Maschinen und haben viel Personal, da merkt man die Mehrarbeit nicht wirklich.“ Vor allem die Kekse lassen den 36-Jährigen nostalgisch werden. „Wir haben in meiner Kindheit auch viel gebacken. Vor allem kann ich mich an die Kekse aus Mürbeteig erinnern. Es ist schade, dass ich meine Familie nicht sehen kann. Das tut mir in der Weihnachtszeit am meisten weh. Die Familie war an Weihnachten schon immer das Wichtigste“, erzählte der Lehrling.

Das Gefängnis versucht trotz allem, etwas Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. So stehen Weihnachtsbäume in den Fluren und auf den Stationen. Auch kleine Weihnachtsfeiern werden organisiert. Die eigene Küche kocht festliches Essen wie Gänsebraten. Und die Weihnachtsbäckerei gibt auch was dazu. Jeder Häftling bekommt ein Präsentkorb. Ein Stollen aus der Gefängnis-Bäckerei ist auch drin, garantiert hausgemacht.  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert