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NS-Vergangenheit : Warum die Ehrung für Jens Rohwer verschoben wurde

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Familie des Komponisten fühlt sich brüskiert. Die Stadt hält an einem Festakt im Frühjahr fest.

Neumünster | Das hatte sich die Stadt anders vorgestellt: Mit einem feierlichen Festakt wollte sie an diesem Sonntag die Verdienste des Komponisten Jens Rohwer würdigen und den vor 100 Jahren in Neumünster geborenen Musiker dabei zugleich als großen Sohn der Stadt präsentieren. Aber der Schuss ging nach hinten los.

Nachdem im Courier ein Leserbrief erschienen war, in dem die unrühmliche NS-Vergangenheit Rohwers thematisiert wurde, sagte der als Hauptredner vorgesehene Kieler Musikwissenschaftler Dr. Michael Struck seine Teilnahme an der angekündigten Hommage wieder ab.

Auslöser dafür war offenbar ein Telefongespräch zwischen Struck und dem Leiter der einladenden Stadtbücherei, Dr. Klaus Fahrner, in dem dieser darauf drängte, die dunklen Punkte in der Vita Rohwers nicht zu unterschlagen. „Ich hatte den Eindruck, dass man mir nicht zutraut, die Fakten und Lebensumstände Rohwers richtig einzuordnen“, erinnerte sich Struck gestern an das Gespräch: „Es klang die Sorge durch, dass ich etwas Missverständliches sagen könnte“, so Struck. Der Musikwissenschaftler zog die Konsequenzen und sagte seine Teilnahme in Neumünster ab. Dr. Bozena Blechert, Leiterin der Musikabteilung der Landesbibliothek, die ebenfalls in Neumünster sprechen sollte, schloss sich an und zog wie Struck zurück.

Dabei gelten beide Wissenschaftler als ausgemachte Rohwer-Kenner. Bereits bei einer ganz ähnlichen Festveranstaltung im Juli in der Kieler Landesbibliothek hatte Struck zum 100. Geburtstag Jens Rohwers gesprochen, und dabei „selbstverständlich“ auch die NS-Verstrickung Rohwers thematisiert.

Die sei der Fachwelt auch längst bekannt, wie Struck gestern unterstrich. Tatsächlich stand Jens Rohwer in den 30er-Jahren dem Nationalsozialismus nahe, war unter anderem im NS-Studenten- und Dozentenbund und glorifizierte in seinen Liedern die braune Blut-und-Boden-Ideologie. Allerdings hat er sich nach dem Krieg ebenso nachdrücklich davon distanziert und sich aktiv zu seiner Mitschuld bekannt.

Die Absagen der beiden Festredner wiederum bewog en die Stadt, den Festakt auf Eis zu legen: „Wir wollten kein reines Konzert, sondern auch den Menschen Jens Rohwer beleuchten“, erklärte gestern Andreas Dreibrodt. Der Leiter der Musikbibliothek, der die Hommage maßgeblich organisieren sollte, sah allerdings keine Chance, kurzfristig Ersatz für die Festvorträge zu gewinnen. Die bereits öffentlich angekündigte Hommage an Jens Rohwer wurde aus „organisatorischen Gründen“ wieder abgesagt, beziehungsweise auf unbestimmte Zeit verschoben.

Gerade dadurch sieht sich die Familie des Komponisten jedoch brüskiert. In einem offenen Brief beklagt der Sohn des 1994 verstorbenen Musikers, Friedemann Rohwer, dass gerade durch die Absage jetzt zu Unrecht ein unrühmliches Licht auf seinen Vater falle. „Unser Vater war nie unumstritten“, schreibt Friedemann Rohwer, Bruder des früheren Wirtschaftsministers Bernd Rohwer, durch die Absage entstehe jedoch ein „verheerender Eindruck“, der dem Leben und Werk seines Vaters nicht gerecht werde. Rohwer wundert sich, warum nicht im Vorfeld der Konzertplanung schon eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wirken seines Vater in der NS-Zeit stattgefunden habe.

Kulturdezernent Günter Humpe-Waßmuth versuchte gestern, die Wogen zu glätten. Die Stadt stehe zu ihrem großen Sohn, die Veranstaltung sei nicht aufgehoben, sondern lediglich verschoben, sagte der Stadtrat. Voraussichtlich soll der Festakt zum 100. Geburtstag jetzt im Frühjahr nachgeholt werden. Die Zeit bis dahin werde man nutzen, weiter zu recherchieren. „Wir wollen eine ehrliche Auseinandersetzung und nichts unter den Teppich kehren“, sagte Humpe Waßmuth.

Ja, Jens Rohwer stand den Nationalsozialisten  während des „1000-jährigen Reiches“ nahe, das ist in der einschlägigen Literatur belegt und bei Fachleuten bekannt. Und, ja, Jens Rohwer hat nach dem Krieg öffentlich klargemacht, dass er geirrt hat, dass auch er der menschenverachtenden Ideologie des NS-Systems auf den Leim gegangen ist, sie sogar aktiv unterstützt hat. Er hat sich davon distanziert, nicht nur in Worten sondern auch in Taten, was etwa  sein Engagement für Amnesty International, in der Friedensbewegung  oder gegen die Apartheid in Südafrika belegen. Auch das ist dokumentiert und bei Fachleuten (auch in Neumünster) bekannt.  Warum soll es   dann eigentlich nicht möglich sein,  beides auch  öffentlich auszusprechen?

 Im Streit um die Würdigung des Komponisten sollten   alle  Beteiligten vielleicht noch einmal überdenken, ob sich  nicht doch eine  gemeinsame Lösung, ein würdiger Rahmen  zur Ehrung des großen Sohnes der Stadt finden lässt. So  weit liegt man offensichtlich gar nicht auseinander.  

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erstellt am 13.Nov.2014 | 12:00 Uhr

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