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Holsteinischer Courier

16. Dezember 2017 | 16:16 Uhr

Testfahrt : Warm sitzen oder ankommen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wie kommt man in Neumünster mit einem Elektroauto zurecht – und wo kann man kostenlos tanken? Sicher ist: Die Heizung kostet Reichweite.

In ganz Neumünster fahren keine zehn Elektroautos herum, aber nach Ansicht vieler Experten gehört ihnen die Zukunft. Wie kommt man in Neumünster mit einem Batteriewagen zurecht? Der Courier hat es mit dem VW E-Up der Stadtwerke getestet. Der Kleinwagen bringt immerhin 82 PS mit. Die Reichweite einer Batteriefüllung beträgt (nach Angaben des Werks) 160 Kilometer. Um die zu erreichen, muss man aber sehr, sehr langsam und vorausschauend durch Neumünster rollen.

Der Verdacht kommt einem schon nach wenigen Minuten. Die Reichweitenanzeige der halb vollen Batterie zeigt 68 Kilometer an. Noch während der fünfminütigen Einweisung auf dem SWN-Parkplatz sinkt die Zahl auf 67 – weil die Lüftung an ist, und die kostet Strom.

Wenn man den Zündschlüssel herumdreht, passiert – nichts. Kein Anlasser schüttelt den Wagen, es bleibt absolut still. Beim Tritt aufs Gaspedal schnurrt der VW aber plötzlich los, und das ganz schön flott. Aber es bleibt absolut lautlos im Wagen, man hört nur das Rollgeräusch der Reifen. Das ist ein bisschen gespenstisch. Nach jedem Ampelstopp greift man reflexhaft zum Schlüssel und will den Wagen wieder starten; aber der ist ja an. Das lautlose Dahingleiten birgt jedoch auch eine latente Gefahr: Fußgänger und Radfahrer hören das Auto nicht herankommen, könnten unvorsichtig auf die Straße treten. Wer ein E-Auto lenkt, muss hochkonzentriert und ständig bremsbereit sein.

Eine Runde um den Ring wird mit dem Elektroflitzer zum reinen Vergnügen. Wenn man gemächlich fährt und zeitig vom Gas geht, leert sich die Batterie nur sehr langsam. Doch irgendwann wird es kalt im Wagen: Heizung an! Schlagartig sinkt die kalkulierte Reichweite von 64 auf 53 Kilometer. Die Devise im Winter wird schnell klar: Warm sitzen oder ankommen. Auch die Heckscheibenheizung und selbst das Radio fressen Strom und senken damit die Restkilometerzahl.

Es gibt ein paar Stromtankstellen in Neumünster, und der Courier hat die beim ADAC an der Wasbeker Straße getestet. Für Clubmitglieder ist das kostenlos, aber man kann nur während der Geschäftszeiten tanken, denn ein ADAC-Mitarbeiter muss die Säule freischalten. Technisch ist das kein Problem, wenn man sein eigenes Ladekabel mitbringt: Ein Ende kommt an den Wagen, das andere in eine handelsübliche Steckdose, und los geht’s. Aber eine Vollladung dauert stolze acht Stunden. Zwar gibt es auch schon Schnell-Tanksäulen, an denen man eine Batterie in angeblich nur 30 Minuten aufladen kann, aber die sind noch längst nicht flächendeckend verbreitet.

Auch bei den Stadtwerken (Kuhberg und Bismarckstraße), bei Nortex, am Energiezentrum bei den Holstenhallen, beim Motorrad- und Fahrradhändler Uhlig, beim Taxiunternehmen Hartwig in Wittorf und ein paar weiteren Anlaufstellen bekommt man kostenlosen Saft.

Zum Schluss kommt die Frage nach den Kosten. Die Preisliste für die Elektro-Version des VW Up startet bei satten 26 900 Euro. Das ist viel Geld für ein so kleines Auto (aber es gibt auch günstigere Modelle anderer Hersteller). Die Betriebskosten allerdings liegen unschlagbar niedriger als bei Benzinern oder Diesel-Autos. 100 Kilometer schlagen beim Stromer (je nach Fahrweise) mit 3,50 bis 4,50 Euro zu Buche; das ist nur rund die Hälfte vom Diesel-Preis.

Fazit: Es macht Spaß, mit einem Elektroauto zu fahren! Die eingeschränkte Reichweite, der Zwang zur genauen Planung (wann kriege ich wo Saft?) und der hohe Anschaffungspreis der Autos machen das Vergnügen aber immer noch zu einer Sache für Idealisten. Wer nicht unkompliziert zu Hause tanken oder zuverlässig eine Säule während der Arbeitszeit nutzen kann, wird damit vermutlich (noch) nicht glücklich.

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