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Flüchtlingsschule : Waffenlager wird zum Klassenraum

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Schule für die Flüchtlingskinder zieht von Neumünster nach Boostedt. Der Unterricht mit drei zusätzlichen Lehrerinnen startet morgen.

shz.de von
erstellt am 08.Sep.2015 | 09:00 Uhr

Neumünster | Es waren dramatische und bewegende Szenen, die sich bis vor einer Woche in der Schule der Landesunterkunft am Haart abspielten: „Wir mussten zuletzt fast über die auf Feldbetten liegenden Familien in den Fluren steigen, um in den einzigen verbliebenen Unterrichtsraum zu kommen“, berichtet Angelika Neth, Koordinatorin und Kreisfachberaterin der Deutsch-als-Zweitsprache-Schulen, zu denen auch die Flüchtlingsschule gehört. Nun hat Neumünsters Schulrat Jan Stargardt in kurzfristiger Absprache mit vielen Verantwortlichen die Reißleine gezogen und eine neue Lösung gefunden: Haus 6 in Boostedt wird ab morgen die Schule für die Erstaufnahmeeinrichtung. Am Haart findet wegen der Raumnot und der Überbelegung vorerst kein Unterricht mehr statt.

„Es ist großartig und einmalig, was hier auch mit dem Engagement der Lehrer und der Unterstützung durch die Stadt Neumünster, die Gemeinde Boostedt, dem Deutschen Roten Kreuz und vor allem dem Verein ‚Flüchtlinge – Willkommen in Boostedt‘ entstanden ist“, lobt Stargardt. Mit rund 300 Quadratmetern Fläche und drei Unterrichtsräumen steht jetzt dreimal so viel Platz zur Verfügung wie vorher. Liebevoll sind die Räume eingerichtet. Selbst das ehemalige Waffenlager wird genutzt. Vier zusätzliche Lehrer wurden eingestellt, ein Auswahlverfahren läuft noch. Acht Lehrer stehen dann zur Verfügung, um drei Lerngruppen zu bilden – für die Grundschüler, die Mittel- und die Oberstufe.

Zu den Neuen zählt Irina Bach (27), die gerade ihr Referendariat in Delmenhorst in Niedersachsen abgeschlossen hat und sich eigentlich auf eine Stelle an einer Schule in Neumünster beworben hatte. Doch Schulrat Jan Stargardt warb sie ab. „Ich war sofort bereit, mich der Herausforderung zu stellen. Ich bin selbst 1994 aus Russland gekommen und war in Friedland im Aufnahmelager. In Niedersachsen wurde ich toll aufgenommen. Nun kann ich wieder was zurückgeben“, sagt sie.

Über 20 Kinder werden zum ersten Unterrichtstag erwartet. Wie viele es genau werden, weiß niemand. Vergangene Woche waren es zuletzt gerade einmal fünf Kinder. „Es ist eigentlich paradox. Je mehr Flüchtlinge kommen, desto weniger Schüler haben wir. Das liegt daran, dass die Verweildauer in der Erstaufnahme sich immer weiter verkürzt“, erklärt Jan Stargardt. Doch ihm ist wichtig: „Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Wir fragen nicht mal, ob es einen Aufenthaltsstatus gibt. Die einzige Bedingung ist, dass die Kinder ärztlich untersucht sind, damit keine Krankheiten übertragen werden.“

Unterrichtet wird in Lerngruppen nach einem neuartigen Konzept. „Es heißt individualisiertes Lernen. Wir schauen, was die Kinder schon können und stellen ihnen nach ihrem Wissenstand die Aufgaben“, erklärt Angelika Neth. Ganz wichtig ist ihr der Deutschunterricht. „Es gibt so eine Art Überlebenswortschatz, den wir jedem Kind beibringen wollen.“

Bis zu 120 Schüler könnten in der neuen Schule sofort unterrichtet werden. Bei Bedarf sieht Jan Stargardt auch noch Erweiterungsmöglichkeiten. „Wir werden super angenommen und unterstützt. Am Freitag fehlte noch ein zweiter Fluchtweg. Am Montag war die Treppe schon aufgebaut. In Neumünster hätte ich erstmal Anträge schreiben müssen.“

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