Ausstellung : „Vor den Frauen kann man den Hut ziehen“

Tatjana Zahnow (links) und Susanne Schwartze bewundern Dora Hitzs Ölgemälde „Weinernte“.
Foto:
1 von 3
Tatjana Zahnow (links) und Susanne Schwartze bewundern Dora Hitzs Ölgemälde „Weinernte“.

Neue Ausstellung der Gerisch-Stiftung zeigt Bilder von Frauen um Kätze Kollwitz. Die Werke sind bis April 2014 zu sehen.

shz.de von
18. November 2013, 14:15 Uhr

„Nur das Talent ist ausschlaggebend.“ Eine Forderung, die heute noch genauso aktuell ist wie vor 115 Jahre. Da nämlich begründete Max Liebermann, Präsident der 1898 gegründeten Berliner Secession, die Werkauswahl der ersten Secessionsschau mit eben jenem Satz. Und heute, respektive seit gestern, betitelt Liebermanns Forderung die neue Ausstellung der Gerisch-Stiftung. Über 500 Leute waren gestern um 12 Uhr in die Villa Wachholtz geströmt, um die offizielle Eröffnung von „Nur das Talent... Käthe Kollwitz und die Frauen der Berliner Secession“ mitzuerleben.

Nachdem sich Herbert Gerisch seinen Weg durch die Menschenmenge gebahnt und die Besucher willkommen geheißen hatte, führten der künstlerische Leiter der Stiftung, Dr. Martin Henatsch, sowie Prof. Dr. Ulrike Wolff-Thomsen und Dr. Jörg Paczkowski, letztere verantwortlich für das Konzept, in die Ausstellung ein. Henatsch stellte fest, dass die Arbeit der Gerisch-Stiftung ebenso wie die der Berliner Secession von Neugier, der bewussten Abkehr von historischen Krusten und der Hinwendung zu Alltagsthemen geprägt sei. Jörg Paczkowski erinnerte noch einmal an den Kunsthändler und Mäzen Wolfgang Schuller, ohne dessen Sammlung die Ausstellung nicht möglich gewesen wäre und bedankte sich ausdrücklich bei den vielen privaten Leihgebern, die zwar unter den Gästen weilten, jedoch nicht genannt werden wollten. Ulrike Wolff-Thomsen ging in ihrer Einführung auf die Biografien der ausgestellten Künstlerinnen ein. „Die Berliner Secession hatte sich zwar für Frauen geöffnet, aber es gab nur neun vollwertige weibliche Mitglieder. Und von ihnen ist es nur Käthe Kollwitz gelungen, einen würdigen Platz in der Kunstgeschichte einzunehmen“, merkte Ulrike Wolff-Thomsen an. Ihre Kolleginnen wurden erst vor wenigen Jahrzehnten oder, wie Clara Siewert und Julie Wolfthorn, erst vor Kurzem wiederentdeckt. Gesellschaftliche Tabus, wirtschaftliche Benachteiligungen und familiäre Abhängigkeiten machten es den Frauen schwer, sich einen gebührenden Platz in der öffentlichen Wahrnehmung zu schaffen.

Knapp zwei Stunden dauerte die Einführung, dann konnten sich die Besucher selbst ein Bild von den ausgestellten Arbeiten machen. Jeder der sieben Künstlerinnen war ein Raum zugeordnet. Da sah man erschrockene Gesichter vor den düsteren Kreidezeichnungen Käthe Kollwitzs, aufmerksame Betrachter vor Juli Wolfthorns „Hexchen“ und faszinierte Blicke auf das Ölgemälde „Weinernte“ von Dora Hitz. Hier hatten sich Tatjana Zahnow und Susanne Schwartze getroffen. Die beiden Freundinnen ließen sich von den Farben des Gemäldes berauschen. „Die aufrechte Kraft der Frauen drückt eine enorme Lebendigkeit aus,“ schwärmte Tatjana Zahnow. „Ja, aber auch die Hängung hier oben auf der Empore vor der violetten Wand ist toll. Man kann hier stundenlang stehen und entdeckt immer neue Nuancen“, fügte Susanne Schwartze begeistert hinzu.

Im kleinen Badezimmer, das ebenfalls als Ausstellungsraum dient, saß der Geschäftsführer des Wachholtz-Verlages, Henner Wachholtz, auf dem Rand der Badewanne und bestaunte das „Mädchen in türkisfarbener Kleidung“ von Julie Wolfthorn. „Vor den Frauen der Secession kann man nur den Hut ziehen. Trotz ihrer großen Sehnsucht nach künstlerischer Freiheit mussten sie sich gesellschaftskonform verhalten, um im Alltag bestehen zu können.“ Henner Wachholtz hat die Ausstellung gefallen. „Brigitte, ihr habt euch mal wieder selbst übertroffen“, verabschiedete er sich vom Vorstandsmitglied der Stiftung, Brigitte Gerisch.

Die Schau „Nur das Talent ... Käthe Kollwitz und die Frauen der Berliner Secession“ ist in der Villa Wachholtz, Gerisch-Stiftung, Brachenfelder Straße 69, bis zum 13. April mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr zu sehen.




zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen