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Wiedersehen : Vor 73 Jahren haben sie sich zuletzt gesehen

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Alwine Rausch (89) und Eduard Hess (78) stammen aus dem gleichen kleinen Dorf in der Ukraine und trafen sich jetzt in Einfeld wieder.

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erstellt am 10.Jul.2017 | 13:00 Uhr

Neumünster | Beim Seniorencafé im Gemeindehaus der Einfelder Christuskirche können Alwine Rausch (89) und Eduard Hess (78) es immer noch nicht recht begreifen. Beide stammen aus dem kleinen Dorf Olgenfeld/Bessarabka in der Ukraine und kannten sich dort durch gemeinsame Kindheit und Flucht 1944. Doch ein Wiedersehen gab es erst jetzt vor 14 Tagen in Einfeld als Gäste der Runde 75 plus beim Geburtstag von Pastor Christian Dahl – nach 73 Jahren.

„Wiedererkannt haben wir uns nicht. Er war damals fünf Jahre alt, ich 16. Erst als jeder sagte, wo er herkommt, war die Überraschung perfekt. Die Erinnerung war wieder da“, sagt Alwine Rausch. Dabei kannte damals jeder jeden in dem deutschen Dorf etwa 40 Kilometer nordöstlich von Odessa.

„Olgenfeld war ein kleiner Ort mit 380 Einwohnern“, sagt Alwine Rausch. Ihre Vorfahren waren evangelische Donauschwaben, die die Zarin Katharina II. schon im 18. Jahrhundert ins Land geholt hatte. Anders als Eduard Hess erlebte sie bereits den stalinistischen Terror mit den Säuberungen 1937/38. „Da kamen ganz viele Russland-Deutsche in den Gulag, auch zwei Brüder meiner Mutter“, sagt sie: „Von dem einen haben wir nie wieder etwas gehört, der andere kam 1947 frei.“

1944 mussten die Olgenfelder in Richtung Westen fliehen. „Immer kurz vor der Front“, sagt Alwine Rausch und berichtet von einem Fußmarsch, der sie binnen zwei Monaten über 2000 Kilometer bis nach Budapest führte. Von dort aus ging es in Viehwaggons per Bahn nach Lodz, das damals Litzmannstadt hieß. Rausch: „Da wurden wir ,Heim ins Reich’ eingebürgert.“ Und dort trennten sich auch ihre Wege.

Alwine Rausch verschlug es über Westpreußen und Pommern 1946 nach Schleswig-Holstein, genauer nach Krogaspe. Hier heiratete sie auch, lebte 60 Jahre lang glücklich mit ihrem Mann in Bremen und Hannoversch-Münden. Ihr Mann ist mittlerweile verstorben. „Seit fünf Jahren lebe ich in Einfeld, bin hier zu meiner Tochter gezogen“, sagt sie.

Eduard Hess ging 1945 mit seiner Mutter den anderen Weg: gen Nordosten. „Wir mussten nach Archangelsk, da haben wir elf Jahre im Wald gearbeitet“, sagt er. 1956 ging es nach Nowosibirsk. Nach der Hochzeit zog Eduard Hess mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Kasachstan. 1996 kam Hess dann mit seiner Frau als so genannter Spätaussiedler über Friedland nach Deutschland und nach Neumünster. Nach dem Tod seiner Frau vor einem Jahr zog Hess von der Böcklersiedlung nach Einfeld. Hier wohnt eine seiner Enkeltöchter.

„Ich war in der Bugenhagengemeinde, bekam jetzt aber erstmals eine Einladung vom Einfelder Pastor und bin hingegangen“, sagt Eduard Hess. Und da kam es dann zu dem Wiedersehen.

Alwine Rausch ist nach der unverhofften Begegnung immer noch ergriffen. „Ich habe mich abends hingesetzt und geweint, konnte es gar nicht begreifen, dass man sich nach 73 Jahren in Deutschland wiedertrifft“, sagt sie. Für beide steht fest: „Wir treffen uns jetzt häufiger.“ Ein fester Termin ist dabei gesetzt: An jedem ersten Freitag im Monat ist Treff beim Seniorencafé im Einfelder Gemeindehaus an der Dorfstraße.

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