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Erzählfrühstück : Von Lebertran und Läusekämmen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bei einer Führung zur Nachkriegszeit-Ausstellung im Tuch+Technik erinnerten sich Senioren / Viele Details an die Trümmer-Zeit wurden lebendig

Neumünster | Der Zweite Weltkrieg war vorbei, Neumünster lag in Trümmern. Viele Details der Nachkriegszeit hat der frühere Fotograf Walter Erben festgehalten. Im ersten Erzählfrühstück zu der Ausstellung „Hunger, Trümmer, Wohnungsnot“ erinnerten sich 20 Senioren angesichts der Bilder in der Fensterfront des Museums „Tuch + Technik“ lebhaft an diese schwere und prägende Zeit. Monika Krebs, die den Nachlass von Erben verwaltet, erzählte kundig viele Details zu den Fotos – und ebenso die Teilnehmer.

„Vor dem Bahnhof war ein tiefer Krater, und auf dem Kuhberg war fast jedes Haus kaputt. Da standen ungefähr zehn Frauen und klopften rote Steine. Später gab es einfache Buden, mehr nicht“, sagte Margret Bärwald (78). „Wir sahen die Flugzeuge, die das Lametta abwarfen.“ Sie wuchs in Einfeld auf, ging in eine Barackenschule. „Nachts kamen die Tiefflieger, die Sirenen gingen, wir bekamen ein bisschen was angezogen, dann gingen wir mit Zähneklappern nach draußen, es war unheimlich, wir hatten Angst. Wir sahen die Flugzeuge, die das Lametta abwarfen“, erinnert sie sich. Gisela Böll (73) wuchs am „Exer“ auf, war als Dreijährige nach Neumünster nach der Flucht aus Königsberg gekommen: „In der Schule gab es einen Löffel Malz und einen Löffel Lebertran. Und die Haare wurden mit dem Läusekamm abgesucht.“ Margret Bärwald weiß das auch: „Dann hieß es Nissen knacken – die Läuse zerdrücken.“ Außerdem habe es wegen des Papiermangels keine Zeugnisse gegeben. Bei einer Frau mit einem Wagen voller Holz nicken alle: „Brennholz war knapp. Die Engländer hatten Holz zugeteilt, die Polizei kontrollierte, wo das Holz geblieben war.“ Rund um die Wittorfer Burg sei alles „blank“ gewesen, erzählte Monika Krebs. Vor allem Duden und Lexika brannten gut.

Ein weiteres Foto zeigt das Schlangestehen vor einer Fleischerei, in der kranke Tiere notgeschlachtet wurden. „Das war minderwertiges Fleisch, aber es war begehrt. Die Kinder mussten mit einer Milchkanne die Fleischbrühe abholen, und es gab dicke Milchsuppe mit Rosinen“, sagt Monika Krebs.

Gisela Böll kam als Flüchtlingskind zuerst nach Bornhöved zu Bauern: „Wir wurden liebevoll aufgenommen, das war nicht selbstverständlich. Später lebten wir in einer Steinbaracke am so genannten Exer. Aber das mochte man nicht gerne erzählen, denn Flüchtlinge wurden von oben herab behandelt.“ Ihr Vater arbeitete bei der Schiechau-Werft in Königsberg, war daher bei seiner Familie: „Er war ,uk’, unabkömmlich.“

Auch die Familie von Margret Bärwald nahm Flüchtlinge auf: „Erst ein Ehepaar mit drei Jungs, dann eine Frau mit drei Mädchen.“ Die Wünsche der Kinder damals waren bescheiden: „Im Nikolausstiefel steckte ein Brief, ich sollte meine Mutter nach ein paar Stoffresten fragen, um eine Puppe zu nähen.“

Noch vieles wurde beim anschließenden Frühstück erzählt. Wie ist es, sich an diese Zeit zu erinnern? „Wenn man sieht, wie die heutige Jugend in Luxus aufwächst, ist es ein bisschen traurig, dass viele das nicht wertschätzen“, sagt Margret Bärwald. „Ich gönne es ihnen von Herzen. Aber die Freude über kleine Dinge fehlt den jungen Leuten, aber sie können nichts dafür“, stellt Gisela Böll fest.

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erstellt am 20.Mär.2015 | 11:00 Uhr

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