Neumünster : Vom Taxifahrer zum Detektiv

Assaf Gavron (Mitte) arbeitete die israelische Geschichte während der britischen Besatzung auf. Christian Kämpfer (links) las die deutschen Textpassagen, und Stefan Mesch moderierte.
Assaf Gavron (Mitte) arbeitete die israelische Geschichte während der britischen Besatzung auf. Christian Kämpfer (links) las die deutschen Textpassagen, und Stefan Mesch moderierte.

Der israelische Autor Assaf Gavron stellte in der Stadtbücherei seinen neuen Roman „18 Hiebe“ vor.

von
04. August 2018, 08:30 Uhr

Neumünster | Wie wird die Erinnerung eines Menschen zu einer Erzählung? Diese Frage stellte sich Autor Assaf Gavron, als er begann, an einem neuen Roman zu schreiben. In „18 Hiebe“ hat er eine Antwort gefunden. Das Buch stellte er im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals in der Stadtbücherei vor etwa 50 interessierten Lesern vor.

Moderiert wurde der Abend von Stefan Mesch. Den deutschen Text las der Schauspieler Christian Kämpfer. Die Handlung des Romans klingt skurril: Eitan Einoch ist Taxifahrer in Tel Aviv. Eines Tages steigt eine ältere Dame in sein Taxi – Lotta Perl. Sie sind sich sofort sympathisch, und Eitan fährt die 85-Jährige von nun an täglich zum Friedhof. Dort hat sie ihren ehemaligen Geliebten, einen britischen Soldaten, begraben. Doch was macht ein britischer Soldat auf einem jüdischen Friedhof? Lotta erzählt dem Taxifahrer ihre Lebensgeschichte, die in der Zeit der britischen Besatzung kurz vor der Gründung des Staates Israel beginnt, und vertraut ihm an, dass der Tod ihres Geliebten vielleicht kein natürlicher war. Als die Dame eines Tages spurlos verschwindet, versucht er herauszufinden, was damals und heute geschehen ist.

Gavron bezeichnet seinen Roman als eine Liebesgeschichte mit historischen Elementen. „Ich wollte keinen historischen Roman schreiben.“ Inspiriert wurde er von seiner eigenen Tante. Sie war das Vorbild für Lotta Perl und eine Frau, „der man nicht trauen konnte“, wie er selbst erzählte. Um seiner eingangs genannten Frage nachzugehen, wählte Gavron hauptsächlich alte Protagonisten. Bis auf Eitan sind sie alle über 85 Jahre alt. Eitans Nachforschungen und ihre Erinnerungen setzen sich zu einer Geschichte zusammen.

Dabei weisen seine Figuren eine gewisse Ambivalenz auf, wie es Moderator Stefan Mesch anmerkte. Sie seien auf der einen Seite liebenswert, während sie auf der anderen wenig vertrauenswürdig oder gar böse wirkten. „Das sind keine echten Menschen“, antwortete Gavron. Er spiele gerne mit dieser Ambivalenz, weil sie der Geschichte Komplexität verleihen würde. Einige Zuschauer irritierte die Charakterzeichnung aber auch, weil viele bei Erzählungen von historischen Ereignissen eine klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse erwarten. Das tat der Roman nicht. Aber vielleicht ist Gavron damit auch näher an der Realität, als er selbst glaubt. Denn die Welt ist nicht immer nur schwarz und weiß.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen